Montag, 11. Januar 2016

Outro

Wenn früher in der Tagesschau Todesmeldungen verlesen wurden, hat man sich oft an den Kopf gefasst. Der Nachrichtensprecher verkündet mit Grabesstimme und entsetzter Mimik knochentrocken: "Karl Ranseyer ist tot." Man kann den Schockmoment spüren, wenn er mit gebrochener Stimme weiterredet: "Der weltweit anerkannte Pianist bespielte seit 1903 sämtliche Konzertsäle. Er wird uns noch lange in Erinnerung bleiben."

Zu Schwarz-Weiß-Bildern ertönt unerträgliches Klaviergeklimper, ehe es zur Wettermeldung weiter geht. Kein Mensch kannte Karl Ranseyer, und hörte man diese grässliche Musik, war man auch froh darüber. Warum in aller Welt wurde dieser Nachruf verlesen, wenn doch kein Mensch den Verstorbenen kannte, kennen konnte oder kennen wollte?

Für meine Generation änderte sich diese Wahrnehmung televisionärer Todesmeldungen, als 1991 Freddy Mercury starb, Sänger einer Band, von der selbst ich als 15-Jähriger selbst gekaufte Schallplatten (aus Vinyl!) im Schrank stehen hatte, ein Mann, dessen Songs wir auf Partys gesungen haben, dessen Musik für mich und meine Kumpels allgegenwärtig war. Die Jugendgeneration vor uns kennt das Gefühl vom Tag des Mordes an John Lennon.

Nun ist es wieder soweit. In immer kürzeren Abständen segnen Helden unserer Jugend das Zeitliche. Zunächst Lemmy von Motörhead, jetzt David Bowie. Eine Künstlergeneration, die nie in Rente gegangen ist, die buchstäblich bis zum Tode auf der Bühne stand und in den Studios an immer neuen Platten werkelte. Eine Generation von Musikern, die nie alt zu werden schienen.

Jede Partitüde geht irgendwann zu Ende. Auch die, die ewig jung zu blieben schienen, auch wenn sie das für Popmusiker so gefährliche 27. Lebensjahr überlebt haben, müssen irgendwann von der Bühne abtreten.

Doch mit der neuen Technik ist es für uns möglich, eine Zugabe zu bekommen. In den Streamingportalen ist ihre Musik noch da.

Nehmen wir den Tod bekannter Künstler zum Anlass, uns ihr Werk nochmal anzuhören.

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