Samstag, 5. September 2015

Schrei nach Liebe

Ich weiß es noch, als sei es gestern gewesen.

Im Sommer 1988 hatte sich meine damalige (und heutige) Lieblingsband „Die Ärzte“ nach einem Abschlusskonzert auf Sylt getrennt und voraussichtlich für immer aus dem Staub gemacht. Meine Trauer war riesig. Obwohl die Zeit der Band genau wie meine Kindheit abgelaufen war, hörte ich die Ärzte weiterhin ständig und machte ihre Live-LP von eben diesem letzten Konzert gemeinsam mit Klassenkameraden zum Soundtrack für die anstehende einwöchige Klassenfahrt nach Mittelfrankreich, wo dann auf einer gemeinsamen Party mit den französischen Austauschstudenten in der Schulmensa Ärzte-Songs gegrölt wurden.

Die Jahre vergingen, auf eine Hardrock-Welle folgte die Grunge-Ära um Kurt Cobain, aus Kindheit wurde Jugend. Nur eine Angewohnheit behielt ich bei: Woche für Woche verfolgte ich die deutschen Charts bei Europawelle Saar. Aus der Top 75 war eine Top 100 geworden, dank neuer Berechnungsformen konnten Songs jetzt von Null auf Eins einsteigen, doch immer noch blieb ich am Radio und schrieb mit. Und immer war da die Hoffnung im Hinterkopf, es könne irgendwann ein Wunder geschehen und meine Lieblingsband aus der Versenkung auftauchen.

Das Wunder geschah ziemlich genau vor 22 Jahren, im September 1993. Ich weiß es noch, als es sei es gestern gewesen. Der Moderator, der unverwüstliche und immer noch aktive Dieter Exter, kündigte den neuen Song der Ärzte an! Ich war aus dem Häuschen und hörte mir das Lied an. Ich konnte es nicht fassen. Da wartet man so lange und erwartet eigentlich nicht mehr viel, und dann gleich so ein Hammer! Eine Minute später stand ich moshend und headbangend bei mir im Zimmer und ließ die Bässe in mein Herz.

Ich war ein sehr politischer Mensch. Politik war mir in die Wege gelegt. Zu Hause wurde sozialdemokratisch gesprochen, und so war mir die Peinlichkeit nicht entgangen, dass die SPD die Ausschreitungen gegen Asylbewerberunterkünfte in Ostdeutschland zum Anlass nahm, das Grundgesetz bei der Gewährung von Asyl zu verschärfen (!) und damit den rechten Ausländerfeinden (heute würde man sagen: -kritikern) zusätzlich Wind unter den Segeln zu verleihen. Günter Grass nahm diese Angelegenheit als Anlass, aus der Partei auszutreten.

Umso geiler fand ich es, dass sich Bela, Farin und Rod trauten, ihren Comeback-Song nach 5 langen Jahren dazu zu verwenden, Stellung zu beziehen. Und dies auch noch auf eine sehr kluge, psychoanalytisch geprägte Art und Weise. Und nebenbei ein Klangerlebnis zu verschaffen, das es in sich hatte. Natürlich konnte ich das Erscheinen des Albums „Die Bestie in Menschengestalt“ kaum erwarten.

Ich habe seit diesem Zeitpunkt vier Konzerte der Ärzte besucht, zwei davon mit meiner ehemaligen Lebensgefährtin, die auch Ärzte-Fan war, und immer wenn „Schrei nach Liebe“ gespielt wird, macht es eine unglaubliche Freude, mal aus lauter Kehle auszurufen, was man sonst ständig denkt: „O-o-o-Arschloch!“

22 Jahre später ist das Lied in aller Munde, weil es seitdem noch kein besseres oder mitreißenderes Lied gegeben hat, das für Toleranz und gegen engstirnige Ablehnung von Menschen aus anderen Ländern auffordert.

Die Aktion Arschloch hat dazu aufgerufen, den Song zu kaufen, damit er erneut in die Charts kommt. Die Ärzte spenden den Erlös dem Hilfswerk Pro Asyl. Wer ihn noch nicht hat, sollte ihn erwerben. Denn dieser Song rockt heute noch genauso, als wäre er erst gestern erschienen.


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