Freitag, 9. August 2013

Revolución

Europa, jetzt komm ich - Das Urlaubstagebuch 2013 - Teil 6 - Barcelona - 28.07.13

Mann, war das eine Nacht! Nach der Rückkehr aus Madrid hatte ich mir im Stadtteil Barceloneta nahe des Strands die Kante gegeben, und nach einer heißen Nacht im klimatisierten Schlafsaal, vis-à-vis einer schönen Russin schlaflos brütend, erwache ich gegen elf Uhr in meinem Hostel an der Prachtstraße Passeig de Grácia. Wie es sich für einen Langschläfer gehört, habe ich natürlich die Frühstücksausgabe im Hostel verpasst.

Ich entsteige meiner Herberge und irre den Passeig hinab, auf der Suche nach einem gemütlichen Frühstückscafé, von denen es in Sants in der Nähe des Hauptbahnhofes doch so reichlich viele gab! Nichts. Ich gehe an der Plaça de Catalunya vorbei. Fehlanzeige. Bloß ein "Corte d'Ingles"-Warenhaus und jede Menge Luxus-Geschäfte, alle Sonntags geschlossen. Die Geisterstadt aus Marmor verweigert mir jegliches Frühstück.

Ich werde immer gereizter, und wer mich kennt, weiß, wie unangenehm ich sein kann, so ganz ohne Frühstückskaffee. Nach einem weiteren erfolglosen Schlenker durch einen Teil der Altstadt lande ich ausgerechnet (!) auf den Touristen-überfüllten Ramblas, wo jeder zweite, der dort steht, jemand ist, der denjenigen, die an ihm vorbeigehen, etwas anzudrehen versucht.

Mir reicht's. Ich beschließe, gegen diesen Konsumismus anzukämpfen und gehe in den Untergrund, genauer gesagt steige ich den U-Bahnhof Liceu hinab. Mit der Metro fahre ich zwei Stationen und steige aus. Plötzlich stehe ich vor dem Aufgang zur Bergbahn des Montjuic. Auf der Flucht ist mir jedes Fortbewegungsmittel Recht!

Im Ausflugslokal an der Endstation kriege ich endlich meinen heiß erwarteten Café Solo. Sehr gut! Wer eine Revolution starten will, muss gestärkt sein.

Blick vom Ausflugslokal auf die Stadt.
Noch sieht man nicht viel mit Ausnahme des Parks.
Auf der Flucht vor der Reaktion verstecke ich mich im Wald. Ein Blick nach rechts. Ein Blick nach links. Niemand zu sehen! Weiter geht's!
 
Die natürliche Vegetation der iberischen Halbinsel
ist der Kiefernwald. Kiefern benötigen weniger
Wasser als beispielsweise unsere Laubbäume.
Bei dieser Hitze bekommt man aber auch einen Durst! Ich beschließe, den Brunnen leer zu trinken. Opfer müssen gebracht werden.

Wasserspiele. Noch ist der Gipfel nicht erreicht.
Im Hintergrund das Mittelmeer.
Ich besteige den Hügel bis zu seinem Ende und verstecke mich in der Festung, die ich dort vorfinde. Es gruselt mich, denn an diesem Orte haben einst die Faschisten nach dem von ihnen gewonnenen Bürgerkrieg die aufrechten Widerstandskämpfer bei Wasser und Brot eingesperrt und gefoltert.
Castell de Montjuic
Zum Glück wird man heute nicht mehr in die Kammern gesperrt, sondern hat einen wunderbaren Blick auf die Stadt und den Hafen.

Barcelona von oben
Blick vom Kastell auf den Industriehafen.
Hier finde ich auch die geeigneten Waffen in meinem Kampf vor:
Phallus-Symbol?

Einer meiner Söldner bei der Arbeit.
Inzwischen tun mir schon wieder die Füße weh. Das gibt's doch nicht, nach dem bisschen Bergsteigen! Zudem plagt mich der Hunger. Ich beschließe, die Waffen zu strecken und mich auf den Weg ins Tal zu machen. Ich überlege, ob ich die Seilbahn nehmen soll. Barcelona ist vielleicht die einzige Stadt der Welt, in der es neben Bussen, Bahnen und Metros, Flugzeugen, Bergbahnen und Schiffen auch noch Seilbahnen gibt!

Einerseits ist da meine Höhenangst und ich fürchte, einen Höhenkoller zu kriegen, andererseits nimmt in einem Roman von Carlos Ruiz Zafón, der im Nachkriegs-Barcelona spielt, ein Protagonist die Seilbahn zum Hafen, die es damals schon gab. Ein faschistischer Geheimpolizist, der ihm folgt, packt ihn am Fuß und wird von der Seilbahn mitgeschleift. Die Erinnerung an diese Szene ließ mich ebenfalls zweifeln.
Blick aus der Seilbahn am Montjuic
Schließlich setzte sich die Faulheit durch. Wohlbehalten kam ich unten an. Auf dem Weg zum Strand brummte mein Hunger. Ruhig, dachte ich, warte bis du in Barceloneta bist! Plötzlich sehe ich die Reklame einer Pizza vor einer zwielichtigen Kaschemme. Ich gebe auf und setze mich rein. Der Kellner kommt mit schmierigem Grinsen an.

"Karte?" fragt er und hält mir einen schmierigen Waschzettel vor die Nase.
"Das hätten Sie nicht gedacht, was? Für das Geld, das unser Tagesgericht kostet, kriegen Sie in Ihrem Lidl zuhause nicht mal 'ne verdammte Packung Haferflocken!"

Ich schaue auf die Tischplatte und rümpfe die Nase. Die ist ja total verdreckt! Der Kellner bemerkt das Malheur.

"Einen Moment", sagt er und holt ein Tuch. Er wischt über die Platte und verteilt das Fett über den gesamten Tisch. "So, jetzt ist alles sauber."

Er deckt ein. Die Gabel lasse ich zurück gehen, die ist ebenfalls schmutzig.

Ich starre auf das handgeschriebene Angebot. In der Tat preiswert. Genau das richtige Essen, um gegen den Konsumismus zu protestieren. Ich bestelle das Hähnchen.

Der Vogel wird serviert, ganz nach katalanischer Art mit ganzen Zwiebeln in der Marinade. Ich verschlinge das Tier mit Haut und Haar. Natürlich nicht, ohne mir vorher aus den Knochen eine Waffe zu basteln, für den Fall, dass ich Louis Vuitton oder Herrn Seiko persönlich auf der Straße treffe.

Die Rechnung ist erfreulich. Mit Getränken kaum das, was anderswo ein Toilettengang kostet. Auf den verzichte ich übrigens.

Montjuic vom Hafen aus gesehen

Kaum bin ich auf der Hafenpromenade, brummt etwas in meinem Magen. Ich gehe an einem Geldautomaten vorbei. Nimm etwas, sagt mein verantwortungsvolles Ich. Wer weiß, ob du gleich eine Gaststätte benötigst. Aus gewissen Gründen. Du weißt schon, flüstert es, "aseos". 

Ach, ich gehe zur Strandtoilette. Es zieht doch gerade ein Unwetter auf, und da werden nicht mehr so viele Menschen am Strand sein.

Regen in Sicht
Kaum am Strand angekommen, sehe ich, dass es tatsächlich zuzieht. Was nichts am Andrang ändert: Der Strand ist voller denn je, und die Schlange vor den Strandtoiletten zieht sich bis zur französischen Grenze.

Also doch ins Strandrestaurant! Meine Hand legt sich theatralisch auf meinen Bauch. Ich gehe zum Strandrestaurant und hoffe, dass ich mit Kreditkarte zahlen kann. Ich esse Muscheln und trinke katalanischen Schnaps. Selbst im Strandrestaurant eine Schlange vor dem Klo. Mensch, hoffentlich schaffe ich den Strand noch vor dem Regenguss!

Plötzlich merke ich, dass ich die aseos gar nicht brauche. Der pollo, das Hähnchen, war von bester Qualität gewesen und ansonsten fühle ich mich nach neun Tagen Aktivurlaub so fit wie selten zuvor. Und was lernen wir nun daraus? - Dass Barcelona nicht nur eine schöne Stadt ist, sondern auch noch zum Geschichtenerzählen anregt.

Ich springe ins Wasser (die Badehose hatte ich den ganzen Tag an) und genieße das Baden im Meer. Vom Regen kriege ich nur winzige Tropfen ab.
Regenbogen vor dem World Trade Center
Am Strand setze ich meine Ohrhörer auf. Diesmal wähle ich den Titel aus der iTunes-Musikbox selbst aus: "Barcelona" von Freddie Mercury und Montserrat Caballé.

Ich belohne mich am Abend mit einem großen Bier und freue mich auf die Überfahrt nach Saarbrücken am nächsten Tag.

weiter - Die Heimreise

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