Montag, 5. August 2013

Lost in Translation

Europa, jetzt komm ich - Das Urlaubstagebuch 2013 - Teil 5 - Madrid - 24.-27.07.13

Ein Knackpunkt bei dieser Reise ist das Thema Babylonische Sprachverwirrung. Wie komme ich im Ausland damit zurecht? Während meines letzten Auslandsaufenthaltes beklagte ich meine eingetrockneten Französischkenntnisse. Diese sind inzwischen besser geworden, wie ich in Paris erleben durfte. Dafür ist mein Englisch eingerostet.

Als ich mich in Paris mit meinem italienischen Mitbewohner in Englisch unterhielt, brachte ich Englisch und Französisch permanent durcheinander. Der andere Mitbewohner sprach bloß argentinisches Spanisch und ein paar Brocken Italienisch. Wenn die beiden sich unterhielten, verstand ich jede Menge, doch sprechen konnte ich noch nichts.

In Barcelona bringe ich meine kümmerlichen Brocken Spanisch mit Englisch und Französisch durcheinander, gemischt mit Saarländisch und meinem Berliner Hochdeutsch. Wie gut, dass ich noch kein Katalanisch beherrsche. Beste Voraussetzungen für Madrid, denke ich, als ich dem Zug entsteige, da kann ja nichts mehr schief gehen.

Die Rezeptionistin im Hostel war zufällig eine junge Deutsche, Madrid schien also multikulti zu sein. Leider war sie für die restlichen drei Tage in Spaniens Hauptstadt die Letzte, die ich traf, die eine Fremdsprache beherrschte. Ich erfuhr auf diese Weise, dass es keinen besseren Ort auf der Welt zum Spanischlernen geben konnte als Madrid - ob man deshalb hier war oder nicht: Denn alle anderen Madrilenen sprachen ausschließlich Spanisch.

Vor 20 Jahren war ich einmal in Italien. Ich musste mal aufs Örtchen, so fragte ich nach der Toilette. Ich benutzte das Wort, das dafür im Wörterbuch als Übersetzung angeboten wurde, das aber wohl seit dem Ersten Weltkrieg kein Italiener mehr benutzt hatte. Man erklärte mir, das richtige Wort sei "Toilette". Mit dieser Erfahrung gesegnet, vermutete ich, dass es in Spanien ähnlich sei.

Höflich fragte ich den Wirt nach der Toilette. Doch der zuckte nur mit den Schultern. Ich behalf mir mit dem universellen Wort "lavabo" (Waschbecken), mit dem ich in Paris und Barcelona Kontakt gehabt hatte, lernte aber für den Rest meiner Tour das richtige Wort, das ich nie wieder vergessen werde: aseos.

Nach vier Tagen Fußmarsch fahre ich lieber erst einmal mit dem Ringbus (Circular 1 und 2) um die Innenstadt herum. Diese Tour kann ich nur empfehlen: Man kommt an einigen Sehenswürdigkeiten vorbei, muss einmal Pause machen, sie kostet 2 Fahrten mit der Metro-Bus-Karte. Mir fällt auf, dass sich die Gehgeschwindigkeit der Menschen im Vergleich zu Barcelona (ruhiger als Paris) nochmals verlangsamt hat. Die Stadt wirkt, als sei sie eingeschlafen, nahezu komatös. Vielleicht ist es der Jahreszeit geschuldet.

Ich habe noch nie in meinem Leben eine Stadt mit einer solchen Wohnqualität gesehen. Wenn man über Krise redet, sollte man auch über das Potential reden, über das, was vorher auf Schuldenbasis investiert wurde und nun zur Verfügung steht. Uns Deutschen fällt das schwer, weil wir, evangelisch geprägt, in Schulden die Schuld sehen, eher als die Chance, die Investition.

Typisches Neubau-Wohnhaus in Madrid. Die neu gebauten
Appartementhäuser erkennt man am
roten Backstein nach Londoner Vorbild.

Die Spanier sind in vielem den Deutschen ähnlich. Sie legen Wert auf Ordnung und Sauberkeit (welch willkommene Abwechslung im Vergleich zu dem Uringeruch in Paris). Sie bleiben sogar nachts an der roten Fußgängerampel stehen, ob ein Auto kommt oder nicht, anders als die 64 Millionen schlechten Vorbilder für Kinder zwischen Saarbrücken und dem Pyrenäentunnel, die auch am Tage jene automobilfreie Sekunde ausnutzen, die Pkw-Fahrer benötigen, um in den "Fußgänger-überfahren"-Gang hochzuschalten.

Madrid ist der einzige Punkt der Reise, an dem ich mir Kultur gegönnt habe. Ich besuchte am zweiten Tag meines Aufenthaltes das Königin-Sofia-Museum, in dem bis zum 2.September eine Werkschau Dalís gezeigt wird, dieses großartigen Surrealisten aus Figueres. Das berühmteste Werk des Museums, Picassos "Guernica", vermittelt Gefühle wie Todesangst, Verzweiflung und Schmerz sehr authentisch. Schwierige Themen wie Faschismus und Krieg werden in diesem Museum nicht ausgespart.

Beim Abendspaziergang durch Embajadores und Lavapiés verstärkt sich mein anfänglicher Eindruck, dass die Einwohner von Madrid keinen Wert auf Hektik legen: Entspannt sitzen die Menschen in ihrer "bar" und lassen die Krise an sich vorbeiziehen.

Madrid ist gemütlich und sympathisch, die Menschen sind freundlich zueinander und helfen sich. Will man von einem Ort zum anderen, muss man den Hügel hinauf und kommt dabei an geschlossenen oder leer stehenden Geschäften vorbei. Kurzum: Spaniens Metropole erinnert mich an mein Heimatdorf. Ein großer Kutzhof, mit 4 Millionen Einwohnern. 

Tapas-Bars am U-Bahnhof Tirso de Molina: Übergang vom
sympathisch-gemütlichen Madrid zum Geschäftsviertel.
Je näher man dem Geschäftsviertel kommt, mit seiner aufgeregten Fußgängerzone, dem Prachtboulevard Gran Via mit seinen acht Autospuren, der Plaza Mayor, desto kommerzieller wird denn auch Madrid, und man erlebt, dass es auch hier Tourismus gibt (wenn auch eher aus der spanischsprachigen Welt).

Der Königspalast ist Endpunkt meines Abendspaziergangs.
Im Schlossgarten treffen sich Jugendliche,
aus dem Park hört man Musik.

Wie schon in Paris, so war auch der
letzte Tag in Madrid Park-Tag.
Der riesige Parque de Buen Retiro in Madrid
hält ausreichend Schatten bereit
bei dieser Sommerhitze.

Das Sonnenbad unter Bäumen im Retiro war die richtige Beschäftigung für den mittlerweile fußkranken (Blasen!) Reisenden am Tag vor der Rückreise nach Barcelona. Denn noch war der Urlaub nicht zu Ende...

(wird fortgesetzt...)

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