Freitag, 9. August 2013

Take the long way home

Europa, jetzt komm ich - Das Urlaubstagebuch 2013 - Teil 7 - Saarbrücken - 29.07.13 

Kaum sitze ich im Zug, der erste Schock: Deutsche "Meedels" an Bord, stilecht mit Vollkornkörper und Magerquarktaschen. Niemand erwartet von jungen Interrailerinnen hochphilosophische Theorie, aber dass man von diesem Gesülze in studentinnenhochdeutsch auch noch jedes Wort, ach was, jeden einzelnen gottverdammten Buchstaben versteht, ist inzwischen ungewohnt für mich. Ich greife zum Kopfhörer, den der Schaffner mir anbietet. Das Musikangebot der spanischen Eisenbahngesellschaft RENFE besteht aus "Soft-Musik", wie Kevin Spacey sagen würde, aber immer noch besser als dieses Endlosgeschwafel.

Der TGV ist so voller Gepäck, dass Passagiere, die in Südfrankreich zusteigen, gar keinen Platz mehr hätten. Gerade quält sich der Zug durch den Innenstadttunnel von Figueres. Zwanzig Minuten braucht er, um hindurchzukommen. Ich rechne mit einer Stunde Verspätung, womit ich den Anschluss nach Saarbrücken verpassen würde. Ich beschließe, den nächsten zu nehmen.

Diese Unsicherheit, bin ich pünktlich oder nicht, macht einen Teil des Reizes einer Reise aus. Autofahrer sind auch oft unpünktlich wegen Staus, müssen aber keine Anschlusszüge nehmen. Eine Reise mit dem Zug lehnen viele Mitbürger kategorisch ab, wie auch die Übernachtung in Vierzehnbett-Zimmern. Eine Kollegin meinte, lieber würde sie campieren. Dann hätte sie wenigstens ihre Ruhe. Mir hat das Fehlen von Privatsphäre früher auch mehr ausgemacht, aber ich scheine mit höherem Alter härter im Nehmen geworden zu sein. Neben einer schönen jungen Russin im Hostel zu liegen - ist das Urlaub? Für mich schon.

Bei jedem Halt in Südfrankreich gehen einige Mitreisende rauchen. Der Zug leert sich langsam. Der Schmierlappen labert immer noch die US-Amerikanerin zu. Bei allem, was er sagt, lacht sie sich kaputt. Ich halte dieses Theater nicht mehr aus und verabschiede mich ins Bistro.

Ich stehe im Bordrestaurant des TGV und trinke ein "Grimbergen"-Bier aus einer Strasbourger Klosterbrauerei. Ich sehe nach links und betrachte die Vulkane des zentralfranzösischen Bergmassivs, rechts ziehen die Alpen an mir vorbei. Die Autofahrer nebenan auf der Autobahn schalten ihre Scheibenwischer ein, denn hier in der Rhôneebene zieht es jetzt zu.

Ich habe in Spanien ständig Bier getrunken, dabei hatte ich ja gedacht, Spanien sei ein Wein-Land. Wie man sich irren kann! Alle trinken dort ständig Bier. Das Aha-Erlebnis in dieser Hinsicht war eine Werbung im U-Bahnhof Passeig de Gracia: San Miguel 0,0 con manzana. Alkoholfreies Bier mit Apfel. Ist das die endgültige Karlsbergisierung Südeuropas nach dem Erlebnis am Gare de Lyon?

Ich gehe zurück ins Abteil. Die Amerikanerin und einige andere sind in Valence ausgestiegen. Nur wenige Mitreisende erleben, wie schnell der Zug in die französische Hauptstadt düst. Ich denke, der Urlaub gehört noch mir, da spielt die Zufallsauswahl von iTunes "Deins ist, was der Hund macht!" Wutentbrannt drücke ich auf den Weiter-Knopf. iTunes spielt "Take the long way home" von Supertramp. Na also, geht doch!

Fünf Minuten zu früh (!) erreichen wir den Gare de Lyon. Ich steige in die ferngesteuerte U-Bahn-Linie eins und schaue durch die Frontscheibe. Ein geiles Erlebnis. Nach einmal Umsteigen erreiche ich den Ostbahnhof. Den Rest der Fahrt bis kurz vor der Grenze verbringe ich erneut im Bistro. Diesmal gibt's eine deutsche Biermarke zu trinken.

Dann zurück ins Abteil. Ich lehne mich im Stuhl zurück und schaue mich um. Den Schaffner da... den kenn' ich doch! Ist das nicht... Jim Knopf? Und die Landschaft da draußen? Das ist doch... Lum... Lumm... Schlummerland...

Eine Insel mit zwei Bergen
und im tiefen, weiten Meer
Mit viel Tunnels und Geleisen
und dem Eisenbahnverkehr
Nun, wie mag die Insel heißen...

"Das ist der Hauptbahnhof von Saarbrücken", höre ich eine Frauenstimme.

Was hat denn Saarbrücken mit dem Lum...? Langsam öffne ich die Augen. Blicke aus dem Fenster. Ach du Scheiße!

Hektisch schrecke ich hoch, reiße meine Siebensachen aus der Ablage und schnüre mir meinen Reiserucksack um. Die Sitznachbarn schmunzeln.
"Der hält doch zehn Minuten hier", sagt die Frau.
"Gracias", sage ich zu der Dame und entschwinde.

Würde ich nochmals eine Interrail-Reise machen wollen?

Unbedingt! Wann fährt nochmal der nächste Zug nach Neapel?

Kommentare:

  1. Bei mir ist es genau andersherum: früher konnte ich eine Nacht mit 10 Leuten in Kanada im Hostelzimmer verbringen, heute fühle ich mich in Mehrbettzimmern mulmig und kann kaum einschlafen weil ich jeden Moment die nächste Störung vermute. Interrail scheint eine spannende Sache zu sein. Überlege gerade meinen nächsten Osteuropa-Trip mal mit der Mitfahrgelegenheit zu planen. War gerade in einer Börse, da bietet jemand einen 80-Stunden-Roadtrip von Frankfurt nach Pakistan für 500 Euro an! Unglaublich, aber ich glaube einmal im Leben muss man so was Verrücktes auch mal gemacht haben!

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  2. Da ich ja eher Eisenbahn-Fan bin, wäre für mich die Transsibirische genau der Grenzgang, den du beschreibst. Sieben Tage am Stück unterwegs! Wenn man ehrlich ist, ist das Fahren durch Europa ja im Prinzip Wohlfühlurlaub dagegen. Ich wünsche dir viel Freude bei deinen künftigen Trips! Vielleicht sehen wir uns mal irgendwo auf der Welt. In irgendeinem verschlafenen kleinen Nest vielleicht oder auf dem Vesuv. Beste Grüße!

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