Montag, 29. Juli 2013

Mein beschwerlicher Weg ins gelobte Land

Europa, jetzt komm ich - Das Urlaubstagebuch 2013 - Teil 3 - Barcelona - 22.07.13

Wer nach der Erfahrung vom Samstag vermutet hatte, ausfallende Klimaanlagen seien eine exklusive Spezialität der deutschen Bahn, der wurde am Montag morgen eines Besseren belehrt, als ich um acht Uhr auf meinem Platz im TGV nach Spanien, der seit einer dreiviertel Stunde hätte abfahren sollen, sitze. Vielleicht wäre mir in einem fahrenden Zug gar nicht aufgefallen, dass der Fahrgast neben mir wie ein Iltis stinkt, aber das Rumsitzen im Bahnhof nervte nur noch.

Wie ich durch eine Lautsprecherdurchsage erfuhr, war es nicht nur die Klimaanlage, die gestreikt hatte, sondern gleich die gesamte Zugtechnik. Und ich wunderte mich schon, warum die Steckdose nicht funktionierte, in die ich, wie in alle Steckdosen bei allererster Gelegenheit mein stromfressendes Mobiltelefon einführte. Glücklicherweise fuhr der Zug bald los.

Eine Zugfahrt durch das Languedoc-Roussillon
hat ihren eigenen Charme.
Die Hochgeschwindigkeitsstrecke endet in Nîmes,
danach fahren wir meist ganz nah am Wasser vorbei,
an den Binnenbuchten, den Salzfarmen, dem Meer.

Nach einer malerischen Fahrt durch Südfrankreich erreichen wir nach einer halben Ewigkeit den Pyrenäentunnel, und wie auf Kommando spielt meine iTunes-Zufallsauswahl ausgerechnet in diesem Moment "Here comes the sun" von den Beatles. Wenn das mal kein gutes Omen ist!

Mit einer dreiviertel Stunde Verspätung erreichen wir die Grenzstadt Figueres, wo das spanische Hochgeschwindigkeitssystem der Bahn beginnt. Leider haben wir den Anschluss verpasst, dürfen aber den Folgezug nehmen. Wie großzügig, die Reservierungen sind ungültig.

Wenn man den Hochgeschwindigkeitszug in Spanien betritt, fühlt man sich sofort wie zuhause. Der AVE von Siemens ist einem anderen Produkt der gleichen Firma zu 99% baugleich - dem ICE der Deutschen Bahn. Der Unterschied besteht darin, dass die Klimaanlage funktioniert. 

Mit einer Verspätung von deutlich mehr als zwei Stunden erreiche ich endlich den Hauptbahnhof von Barcelona (Sants).

Erster Eindruck: Das Ding sieht aus wie ein Flughafen. Zweiter Eindruck: Es ist ein Flughafen. Zugangsschleusen, Wartehallen, abgegurtete Schlangenzonen, Boarding mit blinkenden Gleisangaben auf der Anzeigetafel, Sicherheitskontrolle, Koffer werden durch den Röntgen-Automaten geschoben.

Nach meiner Erfahrung erleben wir in Spanien gerade die Zukunft des Eisenbahnverkehrs. Hier wurden Dinge umgesetzt, von denen deutsche Bahn-Manager nur träumen können und die den deutschen Wutbürger endgültig auf die Barrikaden treiben würden.

So befindet sich der Hauptbahnhof Sants mitten in der Stadt, sämtliche Gleise sind unterirdisch, Stuttgart 21 ist hier Realität. Ebenso in Girona und anderen spanischen Städten. Barcelonas traditioneller Hauptbahnhof Estació de Franca fristet eine traurige Idylle als Regionalbahnhof und Zeugnis seiner glorreichen Vergangenheit.

Barcelona, Estacio de Franca.
Die Trauerbeflaggung
bezieht sich auf das Unglück
von Santiago de Compostela.

Der Hauptbahnhof von Madrid, Puerta de Atocha, hat viel mehr Ähnlichkeit mit einem Messegelände als - sagen wir - mit dem Hauptbahnhof von München. Andere Fernbahnhöfe liegen außerhalb ihrer Städte und werden nur für den Schnellverkehr gebraucht.

Umso betroffener machte mich das schlimme Zugunglück von Santiago de Compostela. Mein Mitgefühl gilt den Opfern. Zur Unfallursache: Ich vermute, je sicherer sich ein Lokführer fühlt, desto risikobereiter wird er. Dennoch sitzt im Zug meist ein Profi am Steuer, und das unterscheidet ihn vom Autoverkehr. Daher werden die meisten Verkehrsunfallopfer von Autos totgefahren. Das ist nur nicht so spektakulär, deshalb steht es nicht in der Zeitung. Der Zug bleibt neben dem Flieger das sicherste Verkehrsmittel.

So, Schluss mit Zugfahren! Wohin geht's zum Hostel? Schaudernd dachte ich die Pension in Paris zurück, in der ich abgestiegen war! Diese Klitsche mit ihren antiken Toiletten, in der es nur einen Schlüssel für alle Insassen des Zimmers gab. Nur weil ein Hotel die Qualitätsanforderungen nicht erfüllt, sich Hotel nennen zu dürfen, ist es noch lange kein Hostel!

Aber meine Furcht war unbegründet. Das Hostel war tipptopp, sauber, angenehm und freundlich (Adresse auf Anfrage). Mein Stadtspaziergang konnte losgehen!

Was Barcelona betrifft, eins vorweg:
Es Raval
Hat mir gudd gefall.
Die Ramblas
Nie wieder - das war's!
Barcelona ist eigentlich eine entschleunigte, gemütliche Stadt. Abseits der großen Touristenströme. Man kann sich dran gewöhnen, an die Stadt, an die Menschen.

Von der Placa d'Espanya ist dieser schöne Palast,
der Palau de Montjuic zu sehen.



Beim recht kostengünstigen Iren nahe der Ramblas trinke ich Pilsner Urquell. Am Nachbartisch ein deutsches Dick-Dünn-Doppel. Sie erklärt ihm gerade, wo sie überall Kalorien einspart (um für ihn attraktiv zu werden?). Wenn es ein Date sein sollte, ist es spätestens mit diesem lustfeindlichen Thema gekippt. Wie kann man sich nur im schönen sommer-sonnigen Spanien über ein dermaßen asketisches Thema unterhalten?

Ja, sooo kann man's natürlich aushalten!



Ich mit Bronzeteint. In Spanien haben mich Leute
ständig nach dem Weg gefragt. Niemand wollte
glauben, dass ich Ausländer bin. Im Hintergrund
die Altstadt von Barcelona.



Dieses Foto entstand auf der Rambla de Raval
und wurde eigentlich dazu geschossen, den
Facebook-Freunden vorzugaukeln,
ich sei in der Karibik.



Richtig wohl gefühlt habe ich mich im Raval, im Barri Gotic und der Altstadt jedoch nur in wenigen Kneipen. Eine davon war eine Heavy-Metal-Kneipe. So stellte ich mir das Barri Gotic auch irgendwie vor.

Ich sehe Barcelona zwiespältig. Wenn es einen Auftrag an Gott gegeben hätte, die perfekte Stadt zu kreieren, wäre es Barcelona geworden. Diese Stadt bietet einfach alles: Wunderbare Parks, Berge und Hügel mit Burgen und Aussicht, das Meer mit Strand und Promenade, eine urige Altstadt mit Flair, fantastisches Essen, Hotels in allen Preislagen, anregende Architektur und einen der attraktivsten Fußballklubs der Welt mit riesigem Stadion.


Blick auf den Passeig de Gracia mit Casa Battlo;
aus dem Hostelzimmer geschossen.

Auf der anderen Seite die Menschenmassen und die Luxusgeschäfte mit ihrem ganzen Plunder.

Menschenmassen auf den Rambles in Barcelona.

Was mich zweitens an dieser ansonsten wunderbaren Stadt stört, ist dieser aggressiv zur Schau getragene Separatismus. Sei es die an Balkonen hängenden Català-Flaggen mit Partisanenstern, sei es die linguistische Leiche, die man vom Friedhof der toten Sprachen ausgegraben und zur Amtssprache erklärt hat.

Kein Mensch in Barcelona und Umgebung spricht Català. Gerade die Servicekräfte, denen du Tourist meist begegnest, stammen aus anderen Teilen Spaniens, aus Südamerika oder den Philippinen, also von dort, wo Spanisch gesprochen wird.

Ähnlich wie bei der Reaktivierung des Irischen geht es auch bei dieser Sprachwiederbelebung vor allem darum, einen "edlen" Grund zur Sezession zu finden, um die wirtschaftlich kriselnden Regionen Spaniens nicht mehr länger quer finanzieren zu müssen. Ob diese Strategie aufgeht, wage ich zu bezweifeln.

weiter -

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