Donnerstag, 4. April 2013

Geht Facebook unter?

Jetzt sind wir soweit. Jetzt hat schon Spiegel Online, oberste Klatschpostille der Nation, Alarm geschlagen: Die jungen Internetnutzer (Early Adopters) kehren Facebook den Rücken und schließen sich spezialisierten Diensten an, während in den höheren Alterssegmenten (Late Adopters) die Anzahl der Facebook-Nutzer noch wächst.

Woran liegt's?

Zu solch verbreiteten Diensten wie Facebook hat ja praktisch jeder seine Meinung, weil er eigene Erfahrungen gemacht hat. Meine sind folgende: Statt internationales und akademisches Flair zu entwickeln,  fand sich Facebook recht schnell nach seiner Verbreitung in Deutschland auf dem gleichen dörflich-proletarischen Niveau wieder wie wer-kennt-wen, das unter anderem aus genau diesem Grund in die Knie ging: Sankt-Pauli-Witze, ungefiltertes rechtsradikales Gedankengut und jede Menge Katzenbilder. Ganz zum Schluss war Facebook nicht mehr ernst zu nehmen, nicht mal als Kommunikationsmedium. Soweit die Analyse, die auf einer Betrachtung der Inhalte beruht. Doch mir schwant, das ist noch längst nicht der einzige Grund, warum das Ende von Facebook näher rückt.

Da ist diese Facebook eigentümliche Melange aus fehlender Privatsphäre, Kommerzinteresse und unnötiger Verkomplizierung von Funktionen. Kaum hast du als Nutzer entdeckt, wie du es einrichten kannst, dass deine Freunde einen Beitrag lesen können, deine Mutter jedoch nicht, wird genau diese Funktion komplett umgestellt und deine Privatsphäre auf Werkseinstellung zurückgesetzt, ohne dass man dich darüber in Kenntnis setzt. Plötzlich erscheint ein "gefällt mir" von deiner Mutter unter dem Tittenbild. Folge: Wir Nutzer werden misstrauisch. Wir überlegen dreimal, was wir posten. Mangelndes Vertrauen jedoch ist für jedes soziale Netzwerk, das auf sensiblen Daten basiert, ein Sargnagel allererster Güte.

Ein weiterer Grund, der nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist, ist in der Geschichte der technischen Datennetze ein immer wieder auftretendes Phänomen. Mir ist aufgefallen, dass Facebook in den letzten Jahren zunehmend selbstreferenzieller wurde und sich immer stärker abgeschlossen hat. Es gibt - mit Ausnahme der kommerziellen Anbieter, der sogenannten Fanseiten - kaum noch Links nach außen, sondern es werden Fotos gepostet, auf denen die ganzen lustigen Witze, Kalendersprüche und Katzenbilder zu bestaunen sind. Keine Information dringt nach außen, nichts kommt von außen rein. Alles hermetisch abgeriegelt, hygienisch eingehegt. Das geht soweit, dass ich letztens, als ich in einer Diskussion auf diesen Blog verlinkte, weil hier mehr Platz ist, dies als störend empfunden wurde.

Facebook steht mit dieser Einhegungspolitik in guter Tradition:

Bildschirmtext
Minitel
Compuserve
AOL
MySpace
Wer-kennt-wen
Studi-VZ

Fällt euch was auf? Die oben gelisteten Systeme und Dienste sind alle mehr oder weniger von der Bildfläche verschwunden. Besonders spektakulär war der Fall von AOL, die kurz davor waren, das Internet in ein zweites Fernsehen zu verwandeln und die bereits den Medienriesen Time Warner gekauft hatten... Von heute auf morgen verschwand dieser Anbieter im Nirvana!

Jedes System bisher, dass versucht hat, die elektronischen Datenkommunikationsnetze zu monopolisieren oder künstlich einzugrenzen, ist von der Bildfläche verschwunden.

Im Gegensatz zum Fernsehen, dem Automobil oder dem Atomkraftwerk, halte ich das Internet für einen gewaltigen Fortschritt der Menschheit, dessen Möglichkeiten bislang noch nicht ansatzweise ausgeschöpft sind. Glaubt ihr, irgendeine Privatfirma, die es dem Nutzer (häufig dem Internet-Einsteiger) besonders leicht und schnucklig machen möchte, sich an das Medium zu gewöhnen, wird es schaffen, die Evolution aufzuhalten?

(Die einzigen, die es hätten schaffen können, waren Microsoft in den Neunziger Jahren. Wenn sie das Internet nicht verschlafen hätten.)

Die Blütezeit des Internets ist nicht vorbei. Genau deshalb wird Facebook scheitern.

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