Dienstag, 12. März 2013

Ich glotz TV

Neben dem Auto ist das Fernsehen die zweite große technische Entwicklung, die uns im 20. Jahrhundert allzu bequem gemacht hat.

Du kommst nach Hause, knallst dich vor'n Fernseher, lässt dich zulabern und mit Bewegtbildern vollspammen. Was für ein Stress für die Augen! Nach acht Stunden Computerarbeit belasten wir sie mit einer äußerst schnellen Abfolge von Abertausenden von Einzelbildern, die unser Hirn nicht verarbeiten kann.


Die Folge davon ist, dass der Körper mit Unmengen von Kortisol geflutet wird. Dieses Stresshormon sorgt für die ungesunden Fettpölsterchen, die auch ohne Chips ganz automatisch entstehen. Nach erfolgreichem Fernsehkonsum müssen wir dann mit dem Rauchen anfangen und Bulimikerin werden, damit wir bei Germanys next Topmodel mitmachen können.

Warum ist dieser Zusammenhang in der Öffentlichkeit so wenig bekannt? Klar, wenn Frau Künast statt dicken Kindern das Fernsehen bekämpfen würde, müsste sie konsequenterweise auf das Absondern dümmlicher Dreieinhalb-Minutenstatements verzichten.

Aber wie wäre es wenigstens mit etwas besserem Fernsehen?  Ich will an dieser Stelle nicht lange damit verweilen, die abscheulichen, unmenschlichen und zynischen Fernsehprogramme zu kritisieren, die da versendet werden - vom Dschungelcamp bis hin zum Frauentausch, alleine schon deswegen, weil ich mich weigere, mir so einen Quark anzusehen. Dennoch muss es auch mich als TV-Verweigerer in meiner Eigenschaft als Staatsbürger sorgen, wenn so ein Unterschichtensender mal wieder auf unterstem Niveau Hartz-IV-Empfänger als Untermenschen verkauft.

Die privaten Sender haben unsere Politiker zu gut geschmiert, als dass sie von den Fernsehsendern Qualitätsansprüche verlangen könnten! Und wir...? Wir lassen uns jeden Scheiß vorsetzen und glotzen gedankenlos hin.

Das Fernsehen trägt zu einer Verarmung unseres Sinnerlebens bei. Man stelle sich eine Welt vor, in der andere Sinne bedient werden als das Auge. Würde das Radio oder ein Medium, das den Tastsinn bedient, die Trends setzen, wäre vermutlich Beth Ditto die begehrteste und attraktivste Frau der Welt. Da dies nicht der Fall ist, müssen wir uns mit Dumpfbacken à la Heidi Klum & Co. herumschlagen.

Auf der zweidimensionalen Mattscheibe kann ein voller Körper niemals erotisch wirken. Denn der ist ja nur dreidimensional zu erleben. Also muss die Formatierung passend gemacht werden, um unter den Bedingungen der optischen Diktatur bestehen zu können. Das hat Folgen: Als 1995 auf den Fiji-Inseln das Fernsehen eingeführt wurde, setzte in der Inseljugend umgehend eine Anorexie-(Magersucht-) Epidemie ein. Schöne neue Welt!

Nicht nur Fiji ist betroffen. Schauen wir uns in der U-Bahn um! Kaum ein Frauenkörper ist in der heutigen Zeit noch echt. Unter den ganzen Tätowierungen, den Piercings und der Solariumbräune findet man kaum noch etwas Authentisches an der jungen Frau von heute, bloß einen kahlen, knochigen Körper.

Der große Körperkult begann schleichend und wird immer krasser: Alles begann in den Siebziger Jahren mit der Trimm-Dich-Bewegung. Dann Bodybuilding, Aerobic, Triathlon, Hot Waxing usw. usf. Heute werden Schönheitsoperationen live im Fernsehen übertragen und die Mehrheit der Menschen hält sie für normal.

Dass man inzwischen auch im Berufsleben nur noch nach dem Aussehen beurteilt wird, ist kein Geheimnis: Forscher haben festgestellt, dass in den USA das Einkommen mit der Körpergröße ansteigt. Inwieweit das Fernsehen an der Tendenz, optische Reize zu verstärken, Schuld ist, ist Spekulation. Mein Verdacht ist, dass es einen Zusammenhang gibt.

Nicht nur unser Sinnerleben leidet, sondern auch die Konzentration. Versuche mal, nach einer achtstündigen Dauerbeschallung mit Fernsehen dich auf ein Buch oder ein Kreuzworträtsel zu konzentrieren. Es wird nichts Leichtes sein. Die Fähigkeit, sich dauerhaft auf eine intellektuelle Aufgabe zu konzentrieren, sinkt mit der Dauer des Konsums elektronischer Medien, wozu neben dem Fernsehen natürlich auch das Internet gehört. (Den Kinofilm, für den wir uns in Schale schmeißen, das Haus verlassen, und der nach zwei Stunden beendet ist, lassen wir mal außen vor. Er fällt unter Erlebnis.)

Die bittere Konsequenz aus dem gerade Gesagten ist bei etwas Nachdenken natürlich auch, dass seit der Ausbreitung des Fernsehens die Intelligenz in unserem Lande den Bach heruntergeht. Welcher Student liest heute in seiner Freizeit Adorno, Marcuse und Sartre? In den 68er Jahren sind Raubkopien von Werken dieser Philosophen an den Unis verkauft worden! Heute schauen sich die jungen Studenten das Dschungelcamp an. Noch Fragen?

Ich verorte den entscheidenden Punkt, an dem die Fernsehgeschädigten zur kritischen Masse in der Bevölkerung wurden, etwa zu Beginn der Siebziger Jahre. Damals gab es die bislang höchste Wahlbeteiligung bei einer Bundestagswahl. Der Kanzler versprach mehr Demokratie. Heute haben wir eine Kanzlerin, die mithilfe ihr gewogener Medien "assymetrische Demobilisierung" betreibt, die gezielte Senkung der Wahlbeteiligung durch Einlullung und Meinungsmache? Ja, Fernsehen ist auch schlecht für die Demokratie. Gehirnwäsche geht durch das Fernsehen leichter: Was man mit den Augen sehen kann, erscheint wahrer. Also werden immer wieder die gleichen Statements vor den Kameras wiederholt, dazu passende Bilder liefern den scheinbaren Beweis für das jeweilige Argument.

Das Fernsehen hat die sozialen Angewohnheiten der Menschen geändert. Anders als früher gehen sie nicht mehr vor die Tür, sind nicht mehr so gesellig. Wenn ich als TV-Verweigerer manchmal Leute anrufe, sind diese häufig gerade mit dem Fernsehprogramm beschäftigt. Diese Vereinzelung erleichtert es den neoliberalen Eliten in unserem Lande, ihr Leitbild eines homo oeconomicus, des Menschen als Egoisten, durchzusetzen. Quo vadis, Gesellschaft?

Ich schaue mir folgende Fernsehsendungen regelmäßig an: Neues aus der Anstalt, Wahlsonntag, Eurovision Song Contest, Fussball-WM / -EM. Unregelmäßig den Tatort. Auf dem iPhone Kalkofe und Tagesschau. Das war's. Ich ertrage einfach nicht mehr. Wenn man es sich erstmal abgewöhnt hat, hält man es nur noch schwierig in seiner Umgebung aus.

Mir ist mein Leben zu schade, auch nur einen sinnlosen Samstagabend an das SAT.1-Promiboxen zu verschwenden. Und dennoch, bei Twitter sind Fernsehsendungen in der Regel immer noch Gesprächsthema Nummer Eins. Es ist ein Zeichen dafür, dass sich das Medium Fernsehen nach wie vor auf dem Zenit seiner Verbreitung befindet. Unsere Kinder und Enkel werden, wenn sie Glück haben, von der Allumspanntheit dieses Gerätes verschont bleiben, so hoffe ich. Wir stehen noch am Anfang einer fernsehfreien Zeit.

Trotz allem mein Appell:

Ein Leben ohne Fernseher ist möglich!

Kommentare:

  1. Ich müsste überlegen, wann ich zum letzten Mal in einen Fernseher hineingeblickt habe. Es ist lange her. Ich sehe schon seit Jahren nicht mehr fern, wozu auch?! ;)

    Auch dass TV zur Verblödung führt - dem muß ich zustimmen. Es ist eben ein rein passives Medium. Da ist das Internet besser, denn es ist zumindest potentiell (auch) ein aktives Medium.

    In einem muß ich dir allerdings widersprechen: Piercings bei Frauen sind nicht blöd, sondern sehr sexy (finde ich) - allerdings nur Bauchnabelpiercings, im Gesicht sieht es unpassend aus.

    Viele Grüße
    Dr. Baudelaire H.

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  2. Guten Abend, Baudelaire,

    selbst wenn man selbst das Medium nicht nutzt... Die anderen tun es. Und richten ihren Alltag danach aus. Entscheiden Wahlen. Und, und, und. Das betrifft einen selber auch.

    Der Nachteil mit der Fixierung auf Schönheit ist, dass es bei der Partnerwahl nur noch darum geht, wer sieht gut aus? Wer macht "eine gute Figur". Was sich dahinter verbirgt, interessiert keinen. Auch dieser Trend wird m.E. vom Fernsehen verstärkt.

    Grüße zurück. Man sieht sich (hoffentlich)

    Jens

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