Dienstag, 27. November 2012

Nachtwandel

Eigentlich wollte ich an diesem schönen Oktober-Wochenende bloß die Atmosphäre der Stadt einatmen, in der mein Studentenroman "Habichthorst", an dem ich zurzeit arbeite, spielt und das Studentenleben vor Ort nochmals auf mich wirken lassen.


Es wurde mir dann relativ schnell nach meiner Ankunft in Mannheim bewusst, dass diese Stadt voller junger Menschen ist - als Saarländer muss man sich an so ein niedriges Durchschnittsalter in der Bevölkerung erstmal gewöhnen. Jede Menge hübscher, mit einem Smartphone bewaffneter Damen und ihren Beschützern.

Wie es der Zufall wollte, fand gerade zu dem Zeitpunkt, als ich Freitag Abend dort ankam, im Hafenviertel, dem Jungbusch, der 9. Nachtwandel statt. Im Rahmen dieser Veranstaltung präsentiert sich der quirlige, aufregende Stadtteil von seiner künstlerischen Seite: In den Kneipen und in den verlassenen Fabriken werden Fotos, Gemälde und Installationen ausgestellt, es gibt - statt des ewigen Eichbaums - Welde- und Meyer-Bier für ein schlankes, hochdeutsch sprechendes Publikum.

In der Aula der Hochschule für darstellende Künste - der berühmten Popakademie - zeigen die Studenten, was sie gelernt haben. Jede Menge. Im Pizzaimbiss schmettert eine junge Sängerin namens Raffaella italienische Schlager.

Hallo? fragte ich mich, das ist aber schon noch das gute, alte schroffe und unfreundliche Mannheim, das mir aus meiner Studentenzeit vor 10 Jahren in Erinnerung geblieben war? Besorgt kehrte ich in ein am Wegesrande liegendes Gasthaus ein, dass von seiner Fassade bereits als Assi-Lokal bester Mannheimer Tradition identifiziert werden konnte.

Hier hatte ich Erfolg: Ich begann, mich mit einem Mädchen zu unterhalten. Sie schaffte es bereits nach drei Minuten, mich mit dem charmanten Spruch "Du schleppsch misch heut Abbend net ab!" zu betören.

Uff. Und ich dachte schon, Mannheim sei gentrifiziert. Ganz Mannheim? Nein, hier und da gibt es noch ein paar unbeugsame echte Arbeiter.

Dennoch hat sich die Stadt merklich verändert. Sie ist jünger, frischer, lockerer und vorurteilsloser geworden. Sie wird immer mehr so, wie das Saarland früher war und wie es meiner Beobachtung nach heute nicht mehr ist.

Baden-Württemberg hat inzwischen eine grün-rote Regierung und ist in vieler Hinsicht Vorreiter. Woran das liegt? Viel Geld wird in Universitäten gesteckt, die Bevölkerung ist jünger und weiblicher (wegen der Zuzüge aus anderen Bundesländern) und gebildeter als eine absteigende Region wie das Saarland. Und auch internationaler: Ba-Wü ist das Flächen-Bundesland mit dem höchsten Migrantenanteil. In den G-Quadraten öffnen die türkischen Läden oft erst dann, wenn im Saargebiet die Geschäfte qua Gesetz schon wieder schließen müssen.

Manches an der neuen Lockerheit ist auch irritierend. Am Wasserturm stapelt sich auch sonntags der Müll; weil in Kneipen, anders als bei uns im Saarland, das Rauchen erlaubt ist, qualmen heute in Mannheim deutlich mehr Personen als an der Saar.

Dass aber unter dem Strich der Strukturwandel besser funktioniert als bei uns, zeigt der Nachtwandel im Jungbusch. Hier fließt das Geld in Kunst und Kultur, die Menschen aus aller Welt anlockt, dort - im Saarland - wird das letzte verfügbare Geld in den Gruben versenkt.

Gute Nacht, (Struktur-)Wandel!

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