Samstag, 10. November 2012

Die Wohnungsnot kommt!

Wer mich im Sommer 2001 in meiner damaligen Bleibe – Wohnung wäre ein zu euphemistischer Begriff – besuchte, den lachte im Eingangsbereich des unteren Flurs der Schädel eines toten Habichtes an, umrahmt von schnulzigen 50er Jahre-Bildern und einer schmuddeligen Tapete aus ebendieser Zeit. Und das war nur der erste Eindruck. War die Fassade außen frisch renoviert, so gammelte das Badezimmer größtenteils warmwasserfrei im Originalzustand des Jahres 1947, in der Küche wucherte der Schimmel. Der Teppichboden im Schlafzimmer und die marode Pritsche, auf der ich zu liegen hatte, moderten seit Jahrzehnten vor sich hin.
Einst ein stolzer Vogel.
Der Habicht.

Quelle: Michael Bührke  / pixelio.de

Das beschriebene Ambiente in besagter Studenten-WG hat mich so nachhaltig verstört, dass ich darüber zurzeit einen Roman schreibe („Habichthorst“). Ich war ein armer Student im reichen Baden-Württemberg auf der Suche nach bezahlbarem Wohnraum.


Auf meiner Reise nach Berlin vor kurzer Zeit ist mir aufgefallen, dass alle Welt über die explodierenden Miet- und Immobilienpreise spricht.



Freunde von mir planen, sich in Pankow eine Eigentumswohnung zu kaufen. Dafür blättert man unter Umständen 300.000 Euro hin. Das ist das dreifache dessen, was sich für ein Einfamilienhäuschen im Saarland erlösen lässt. Entsprechend entwickeln sich die Mieten, die sich seit 2007 um jährlich fünf Prozent verteuern.


Leider sind die Löhne gesunken oder gleich geblieben, und so ist es kein Wunder, dass mein Lieblings-Inder darüber klagt, dass kaum noch jemand zu ihm zum Essen kommt. In dem Haus, in dem ich früher wohnte, standen zum Zeitpunkt meines Auszuges vor dreieinhalb Jahren die Hälfte der Wohnungen leer. Jetzt ist das Haus komplett belegt. Aus der Baulücke gegenüber ist die Baustelle eines Anbieters exclusiver Penthouse-Wohnungen geworden.


Wohnungsnot lässt sich mit Händen greifen, und auch die Spekulation mit Wohnraum in dieser kultigen Stadt. Selbst Marzahn ist ein edles Pflaster geworden: Um die Gärten der Welt sind exklusive Wohnanlagen entstanden, die sich sicherlich nicht jeder wird leisten können.


Weil die Politik sich weigert, dem chronisch knappen Wohnraum in Großstädten beizukommen, etwa in dem er öffentliche Wohnungen baut oder Studentenwohnheime erweitert, eskaliert die Situation mehr und mehr. So füllen sich jedes Jahr im Oktober die Turnhallen von Heidelberg und das verschlafene Städtchen verwandelt sich zum Luxuspflaster. Die Haus- und Grundbesitzer reiben sich die Hände, können sie doch jedes noch so abgefuckte Kellerloch und jedes noch so ekelerregende Habichthorst zu Wucherpreisen an Studierende vermieten.


Kann sich jemand von den Lesern erinnern, wann letztmals öffentliches Geld in den Bau von Sozialwohnungen gesteckt wurde? Das Thema scheint schon lange aus den Schlagzeilen und aus den öffentlichen Debatten verschwunden zu sein.

So wohnte man früher.
Reihenhäuser in dörflicher Umgebung. 

Quelle: Maren Beßler  / pixelio.de

Dabei ist es fünf nach zwölf: Durch die Einführung der Bedarfsgemeinschaften mit Hartz-IV ist der Bedarf an billigem Wohnraum seit 2005 um ein Vielfaches gestiegen, während der Zulauf von Abiturienten an die Unis von Jahr zu Jahr größer wird. Früher hätten die Jugendlichen als Handwerksgesellen das Dachgeschoss ihres Elternhauses aufgestockt, heute suchen sie studierend eine Bleibe in der Stadt.


Hilflos konkurrieren sie etwa in Berlin oder anderen Städten dieser Kategorie gegen die VIP’s und Stars dieser Welt, die ehemals leerstehende Wohnanlagen luxussaniert als Drittwohnsitz neben Los Angeles und New York verwenden. Wohnungen mit dem Fulltime-Service der angrenzenden Hotels, glitzerndem Marmor und goldenen Wasserhähnen für Besitzer, die sich vielleicht zwei Wochen im Jahr in der Stadt aufhalten. Internationale Investoren flüchten in Zeiten schwächelnder Währungen und insolventer Verbraucher in aller Welt in German Betongold. Die Folge dieser Neuverteilung an Wohnraum ist auch, dass Altbewohner verdrängt werden. Verdrängt – aber wohin?


Viele bislang öffentliche Wohnungen werden von überschuldeten Kommunen und korrupten Kommunalpolitikern verramscht und von gierigen Investoren luxussaniert und verteuert, während die Jobcenter nur einen streng reglementierten Satz an Wohnkosten für Leistungsberechtigte übernehmen.

Städtische Wohnanlage,
Quelle: Konstantin Brückner  / pixelio.de

Diese müssen in die unattraktiven Viertel am Stadtrand, auch Ghettos genannt. Auf diese Weise entsteht soziale Entmischung. Dieser Prozess ist bereits soweit fortgeschritten, dass die Ratingagenturen eure persönliche Kreditwürdigkeit schon heute anhand eurer Adresse glauben feststellen zu können.


Die Städte und Gemeinden werden sich in der nahen Zukunft ihre Überlegungen machen müssen, wie der Situation Herr zu werden ist, bevor uns allen die längst vergessen geglaubte Wohnungsnot über den Kopf wächst.


Wenn unsere Politik nicht mehr öffentlichen Wohnraum schafft und die Rechte der Mieter verbessert, werden bald nur noch reiche Schnösel ihre Drittwohnung in der City haben. Alle anderen spüren im Ghetto den Geist des Habichts in ihrem Nacken. 


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