Dienstag, 11. September 2012

Willkommen im Autoland

17 Uhr. Es ist stickig im Bus. Zur nächsten Haltestelle ist es nicht weit. Dennoch braucht das Gefährt fünf Minuten, um mich dorthin zu bringen. Großstadtstau! Wie schön wäre es jetzt, mit einer modernen Stadtbahn daran vorbeizurasen!

Das Saarland kam verspätet zur Bundesrepublik. Als sich das vormalige Saargebiet 1957 dem westdeutschen Staat anschloss, war das Bundesautobahnnetz schon fertig geplant und teilweise auch schon fertig gebaut. Die Nord-Süd-Autobahn 1 endete in der Nordeifel, die A 8 kurz vor Landau - vom Rhein aus gesehen -, und eine Autobahn führt sogar am Saargebiet an den damaligen Grenzen vorbei (von Nonnweiler nach Pirmasens). Das Saarland war in dem Staat, dem es nun angehörte, nicht mehr nur geografisch, topografisch und von der Bevölkerungsverteilung her vollkommen isoliert, sondern auch verkehrspolitisch. Kein Weg führte nach Saarbrücken, keiner von dort weg.


So wurden wir Saarländer zu den ökonomischen, kulturellen und bildungspolitischen Eigenbrötlern, die wir heute sind. Während anderswo in der Welt die Dienstleistungsgesellschaft ausgerufen wurde, halten wir bis heute an der Überzeugung fest, dass es keinen ehrenwerteren Job geben könne, als in der Grube zu schuften.

Zumindest die verkehrspolitische Isolation tat den neuen Machthabern in Bonn bald Leid. Man beschloss, sich bei den Saarländern für diese Schandtat zu revanchieren. Doch statt, wie es eigentlich nötig gewesen wäre, die genannten Autobahnlücken der A1 und der A8 zu schließen, sollte Saarbrücken zur automobilgerechten Modellstadt ausgebaut werden. Dieses Vorhaben ist mehr als gelungen.

Kleine Saar-Brücken wurden durch achtspurige Highways ersetzt, auf denen die Autos sich nach Lust und Laune austoben konnten. Das Saarbrücker Flussufer beherbergte bald eine Stadtautobahn mit Panoramablick auf die Saar und ihre daneben liegenden Hochhäuser. Vier Autobahnen führen nach Saarbrücken oder enden dort. Natürlich, wie es im Saarland üblich ist, wurde auch hier "geknaubt": Die Autobahnen enden nicht mit der Einmündung in eine jeweils andere Autobahn, sondern mitten im Stadtverkehr, in den die Autos automatisch hineingeleitet werden, damit sie dort Lärm verursachen können. Das hält die Mietpreise schön niedrig.

Parallel wurde 1965 die Straßenbahn abgeschafft, die Bahnbusse stellten nach und nach die meisten Strecken ein und der Eisenbahnverkehr wurde auf Notversorgung umgestellt. Woran sich bis heute kaum etwas geändert hat: Während etwa der Ostbahnhof vor sich hin modert, entstand vor wenigen Jahren nebenan die monströse Ostspangenbrücke nebst zwei großen Verkehrskreiseln.

Die Trendwende weg von der automobilgerechten hin zur menschengerechten Stadt, den andere deutsche Städte gegangen sind, ist am Saargebiet komplett vorbeigegangen. Noch 2009 im Wahlkampf brüstete sich Ministerpräsident Peter Müller mit dem Slogan "Autoland Saar". Gewinnen konnte er damit, allerdings nur dank der nachweislich korrupten grünen Partei, die bezeichnenderweise im Saargebiet eine untergeordnete Rolle zu spielen pflegt.

Städte vergleichbarer Größe haben inzwischen moderne S-Bahn- und Straßenbahn-Systeme, die nicht - wie die Saarbahn - auf nur einer Strecke fahren. In Großstädten wie Berlin ist es längst nicht mehr schick, mit achtzehn den Führerschein zu machen. Dafür geht die Zahl der jungen Verkehrstoten merklich zurück.

Ist das Autoland erfolgreich?

Saarbrücken versorgt 1 Million Einwohner mit Arbeitsplätzen, davon wohnen vier Fünftel im Umland. Von diesen benutzen 80% zum Pendeln das Auto. In Freiburg, das ähnlich viele Pendler zählt, nutzen nur 20% das Auto, um täglich zur Arbeit zu fahren. Der Rest kommt auf breiten Fahrradstreifen, gut ausgebauten öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß in die Stadt.

1990 waren beide Städte gleich groß (190.000 Einwohner). Heute zählt Freiburg 225.000 Einwohner, in Saarbrücken leben 170.000 Leute. Mit Peugeot Citroen hat vor Kurzem ausgerechnet ein Automobilkonzern seinen Deutschland-Sitz aus Saarbrücken weg verlagert. Dieser Entscheidung voran ging eine bemerkenswerte Serie von Konzernwegzügen aus dem Saarland hinaus (Praktiker, AOK) oder Pleiten (Höll, Cirrus). Ich schrieb darüber. Währenddessen blüht in Freiburg die Wirtschaft durch das Entstehen von Herstellern erneuerbarer Energien, also einer Technik, die im Saarland verteufelt wird, weil wir so stolz auf unsere sauberen Kohlekraftwerke sind.

Die automobilgerechte Stadt ist bloß eine vergilbte Zukunftsutopie der Fünfziger Jahre, wie die Hochautobahnen in Ludwigshafen, deren Instandhaltung kaum zu bezahlen ist, oder die Atomkraftwerke, die nun mühsam abgebaut werden müssen.

Besserung ist nicht in Sicht. Selbst wenn die Probleme wahrgenommen werden und man erkennt, dass es nervt mit dem Autolärm, wird jede Menge Geld in die Hand genommen, um etwa die Stadtautobahn zu untertunneln. Damit werden wieder alle verfügbaren Ressourcen in den Straßenverkehr gesteckt. Züge, Busse und Stadtbahn gehen leer aus. 

Als die Saarbrücker Saarbahn in den Neunziger Jahren eingeführt wurde, war sie eines der modernsten Verkehrsmittel der Welt. Ein Chamäleon, das alles konnte. Fuhr auf der Eisenbahnstrecke wie ein Zug und in der Stadt wie eine Tram. (Ihr Pendant in Karlsruhe fährt inzwischen auch unterirdisch. Fehlt nur noch die Fluglizenz.) Sie wurde Vorbild für viele andere Stadtwerke, selbst Gemeinderäte aus Los Angeles kamen zu Besuch, um sich das Wunder anzusehen. Was ist daraus geworden?

Das versprochene Mehr-Linien-System wurde nie umgesetzt, die Arbeiten stockten zwölf Jahre lang in einem wohlhabenden Vorort im Norden, und ob sie je weiter nach Westen fahren wird als zum Cottbuser Platz, weiß kein Mensch. Zurückgestellt wurden die Ostanbindungen nach St. Ingbert oder über die Uni nach Neunkirchen. Im Süden droht eine neue grenzbedingte Isolation durch Sarkozys Schienensteuer.

Statt nun aber während der Planungs- und Bauzeiten ein S-Bahn-System auf den Gleisen der Deutschen Bahn einzuführen (Viertelstundentakt von Merzig nach Homburg und von Saarbrücken nach St. Wendel), das schnell wirkte und kosteneffizient wäre, lässt man lieber alles beim Alten.

Wir sind schließlich ein Autoland. Wir stehen gerne im Stau.

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