Mittwoch, 11. Juli 2012

Wie Sex-Trends entstehen

Was haben Swingerclubs, freie Liebe und Beziehungen zu dritt mit demographischem Wandel (Änderungen in der Bevölkerungsstruktur) zu tun? Eine ganze Menge.

Nehmen wir an, das durchschnittliche junge Mädchen oder die junge Frau sucht sich als Geschlechtspartner in der Regel einen jungen Mann, der um einige Jahre älter ist als sie selbst. Das tun alle Mädchen, sie bewegen sich auf einem Markt, auf dem Angebot und Nachfrage herrscht. Gehen wir davon aus, die Nachfrage ist immer gleich (die meisten Mädchen wollen Sexualität), doch das Angebot schwankt.

Kurz nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland kam es zu einem Babyboom. Das im Krieg vernachlässigte Eheleben wurde nachgeholt, der Wohlstand und der damit einhergehende Optimismus sorgten für geburtenstarke Jahrgänge. Gleichzeitig hatten wir eine Bildungsexpansion, das heißt, die Studierendenquote wurde angehoben. Nun trafen die jungen, um 1950 geborenen Mädchen, achtzehn Jahre später an den Unis kaum auf junge Männer, die etwas älter waren als sie, schließlich kamen im Krieg  nur wenige Kinder zur Welt und es gab auch weniger, die es auf die Uni schafften. Diese wenigen Jungs konnten wählen. Sie konnten die Regeln machen. Die wichtigste davon ist legendär geworden: „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment.“ Die freie Liebe, die die gesamten Siebziger hindurch praktiziert wurde, war auch eine Konzession der Damenwelt an den Nachfrageüberhang in Sachen Liebe.

Der letzte geburtenstarke Jahrgang war der von 1964. Danach kamen Jahr für Jahr weniger Kinder zur Welt. Damit waren auch weniger Mädchen für die in den frühen Sechziger Jahren geborenen Jungs verfügbar. Was passierte nun, als sie das geschlechtsreife Alter erlangten und sich auf die Suche nach Mädchen machten? Ein 1964 geborener Junge feiert seinen 16. Geburtstag im Jahr 1980. Ungefähr das Jahr, in dem die freie Liebe aus der Mode kam und Bodybuilding in wurde, wie man damals sagte. Ersatzweise zog man eine Sonnenbrille an und ließ sich einen Drei-Tage-Bart wachsen. Sport war für Männer Pflicht, plötzlich zählte ihr gutes Aussehen. Nur dann war man geil, um einen weiteren Ausdruck dieser Zeit zu gebrauchen. Plötzlich galt auch die Devise, haste was, biste was. Die sogenannten Yuppies glänzten durch Erfolg, die Punks durch Coolness.

Was folgte, war die Rache der Babyboomer. Sie gründeten in den Achtziger Jahren Familien, und weil es alle taten, entstanden geburtenstarke Jahrgänge, nicht mehr so stark wie früher, aber stark genug, dass man weitere 16 Jahre später (etwa ab der Jahrtausendwende) den Effekt davon sehen konnte: Schicke Drogerieketten schossen wie Pilze aus dem Boden, vormalige Ladenhüter wie Schminke und Damenrasierer verkaufen sich dort spitze, auf den Laufbändern in den Fitness-Studios walken nun junge Frauen, während sie sich schwitzend mit Germanys Next Topmodel berieseln lassen. Die Nachfrage war oder ist wieder größer als das Angebot. Swinger-Clubs sind übrigens gerade in Mode.

Doch auch die in den Siebziger Jahren Geborenen haben Kinder. Davon gibt es natürlich wieder weniger. Die werden innerhalb der nächsten fünf bis fünfzehn Jahre das entsprechende Alter erreicht haben. Was passiert nun? Es wird wieder ein Männerüberhang entstehen, weil wenige junge Frauen zu den geburtenschwachen, aber viele junge Männer aus der Zielgruppe zu den geburtenstarken Jahrgängen gehören. Es gibt da in den Großstädten einen Trend, von dem ich glaube, dass er sich durchsetzen könnte: die Polyamorie. Bei dieser Lebensform leben in der Regel zwei junge Männer und eine junge Frau zusammen, die Männer teilen sich das Mädchen. Das Zusammenleben funktioniert ähnlich wie bei einer WG mit Putzplänen, der einzige Unterschied ist, dass es in einer WG keine Beischlafpläne gibt. Das Regelwerk trägt eindeutig eine weibliche Handschrift. Die Piratenpartei bekennt sich übrigens als erste politische Kraft zu dieser Lebensform.

Für alle, die an Experimenten aller Art nicht interessiert sind, sei gesagt: Das Skizzierte sind nur Trends. Da Menschen mal mit 20 Jahren, mal mit 40 und mal mit 60 Jahren Kinder in die Welt setzen (im letzteren Fall Männer), werden die Unterschiede in der Kohortenverteilung nie so wahnsinnig hoch werden, dass sich alle einem solchen Regime unterwerfen müssen.

Wie immer in solchen Fragen gilt: Man muss das nicht mitmachen.

Kommentare:

  1. Interessante Sichtweise!
    Wäre Polyamie etwas für dich?

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  2. Den Ball möchte ich gerne zurückspielen. Dennoch oute ich mich als wahrscheinlich zu verklemmt-katholisch, notorisch eifersüchtig und besitzergreifend (2 M / 1 F) bzw. nervlich zu zartbesaitet (1 M / 2 F) um sowas auf Dauer durchstehen zu können...

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