Mittwoch, 30. Mai 2012

Gelbsucht

Hauptstädte sind meist so anders als das Land, das sie umgibt. Berlin ist ausgeflippt, anarchisch, sozialistisch, London neigt zum Größenwahn, in Paris ist die menschliche Atmosphäre zum Greifen aggressiv, Saarbrücken ist kulturaffin und frankophil. Dennoch erwartete ich mir von einem Besuch in Metz, der Hauptstadt des heruntergekommenen Lothringen, nicht viel.

An Pfingsten, dem Fest der Erleuchtung, nach Metz zu fahren, war jedoch eine gute Idee, wie sich herausstellen sollte. Schon der Bahnhof, von Kaiser Wilhelm „persönlich“ erbaut, anders als so viele andere dieser Bauperiode nie zerstört, zieht einen in Bann. Der Weg zur Innenstadt ist so gut ausgeschildert, dass man sie nur dann verfehlen kann, wenn man weder deutsch noch französisch noch englisch spricht.

Nach einer Lustwandelei auf der Esplanade, die den absolutistischen Pariser Charme der vorrevolutionären Zeit versprüht, geht’s ab in die Innenstadt. Schon bald sind wir von sandsteingelben Gebäuden umgeben. Nach dem Kaffee auf der Place St. Jacques, wo sich ein Bistro ans nächste reiht, ein Abstecher durchs Taisonviertel, das an das Quartier Latin in Paris erinnert, quasi eine gelbe Version davon.

Die Kathedrale St. Etienne mit ihren Figuren, Schnörkeln, Türmen und Winkeln ist eine Augenweide in Sandsteingelb, am sattgelben Rathaus gegenüber weht die gelbe Flagge Lothringens mit ihrer roten Schärpe. Es herrscht Wahlkampf, die Kandidatin auf dem Plakat der Neuen Antikapitalistischen Partei sieht aus wie meine Exfreundin.

Die Kathedrale St. Etienne zu Metz (Bild: strowa  / pixelio.de)

Die Schwäne vor dem Temple Neuf sind riesig. Warum, wird mir kurze Zeit später klar: Sie werden ständig von Passanten gefüttert. Tretbootfahrer ziehen vorbei. Die Mosel ist vielleicht der einzige Fluss, der von Tretbooten genutzt wird.



Basilika Saint-Pierre aux Nonnains (Bild: Tilo Schüßler  / pixelio.de)

Eine kleine Pause in einer Studentenkneipe. Mirabellenbier vom Fass ist die perfekte Erfrischung – in Gelb – an diesem heißen sommerlichen Tag. Wenn ein Campus inmitten eines riesigen Naherholungsgebietes liegt, direkt an der Mosel, wo die Menschen relaxen, Minigolf spielen und segeln, dann muss das eine gute Uni sein, ideal zum Studieren, wenn man überhaupt dazu kommt.

Am Plan d’Eau lässt sich gut sonnenbaden, trotz der nahen Autobahn, die aber, weil sie erhöht ist, nicht so einen Lärm macht wie in Saarbrücken. Überhaupt, so wenige Autos wie die hiesige Innenstadt bevölkern, das ist eine angenehme Abwechslung.

Hinter dem Bahnhof die Zukunft der Stadt: Das Centre Pompidou, eine architektonische Offenbarung. In… weiß!

Leute, fahrt nach Metz, es liegt direkt vor unserer Haustür. Wir werden in Kürze erneut dorthin fahren.

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