Montag, 30. Januar 2012

Der Letzte macht das Licht aus

Vor kurzer Zeit hatte ich einen Traum. Meine Mutter und ich hämmerten gegen die Flügeltür meiner alten Grundschule. Nach einiger Zeit öffnete ein bärtiger Mann die Tür.
"Hier gibt es keine Schule mehr", sagte er, "hier ist jetzt eine Kirche."
"Aber wir haben doch schon zwei", entgegnete ich.
Die Türen schlossen sich wieder. Mein Traum-Ich ging den steilen Hügel zu unserem Dorf hinab und nahm sich vor, einen Blogeintrag darüber zu schreiben. Voilà, hier ist er.


Als ich klein war, gab es in meinem Heimatort Kutzhof zwei Lebensmittelläden, zwei Tankstellen, ein Schreibwarengeschäft, eine Metzgerei, ein Tabakwarenladen, neun Gaststätten, zwei Postfilialen und zwei von der Sparkasse. Übrig geblieben sind lediglich die beiden Bäckereien, ein Frisör, mehrere Gärtnereien, zwei Gaststätten sowie die beiden katholischen Kirchen. Auf den ersten Blick eine komfortable Situation für die Gläubigen, das erinnert an den Mittleren Westen der USA, wo ein Dorf ähnlicher Größe schonmal auf zehn Gotteshäuser kommt. Auf den zweiten Blick sieht man, dass die Kirchen sich das Personal mit vier anderen Kirchengemeinden teilen. Als die Schule schloss, sagten manche "Stirbt die Schule, stirbt der Ort". Wenn in Kürze die Turn- und Veranstaltungshalle abgerissen wird, dann wird es der vorläufige Höhepunkt des Niedergangs sein.

Nun könnte man sagen, wen kümmert das? Der Kutzhof stirbt. Was geht mich das an?

Als ich klein war, gab es im Saarland fünf bedeutende Stahlwerke, die die Welt mit hochwertigem Stahl versorgten, fünf Großkraftwerke auf Kohlebasis und sechs Gruben. Eine von ihnen bekam den höchsten Förderturm der Welt. Alle Versuche, diese Wirtschaftsstruktur mit Massen an Steuergeldern zu retten, schlugen fehl. Die beiden verbliebenen Stahlwerke und der Rest des dritten sind nur noch Schatten ihrer Vergangenheit. Die letzte Grube schließt in diesem Jahr. Die Großkohlekraftwerke sind Dinosaurier wie die Exponate im Gondwana-Park, der früher die Grube Reden war. Sie stehen der dringend notwendigen energetischen Wende im Wege und werden bald verschwinden.

Der Strukturwandel glückte nicht. Das einzige Softwareunternehmen von Rang wurde verkauft. Die beiden Fluggesellschaften gingen in den vergangenen Wochen in die Insolvenz, sie teilen dieses Schicksal mit einem traditionsreichen Fleischwarenunternehmen. Die Praktiker-Zentrale wandert ab ins coole Hamburg. Nachdem ASKO schon in den achtziger Jahren an die Metro verkauft wurde, bleibt mit Villeroy & Boch nur noch eine Aktiengesellschaft, die an der Börse notiert wird. Das Saarland bleibt Callcenterland und verlängerte Werkbank der baden-württembergischen und michiganischen Automobil(zuliefer)industrie. Qualifizierte Bürojobs? Managerposten? Fehlanzeige.

Frau Merkel sagt, Deutschland gehe es gut. Wen meint sie damit? Ich glaube, jeder Leser kann mit Blick auf seinen Gehaltszettel bestätigen, dass der sogenannte "Aufchwung" (H. Kohl) bloß eine Chimäre ist. Die Kanzlerin redet über Beschäftigungszuwachs. Weiß sie nicht, dass der größte Teil des Beschäftigungsaufbaus aus Jobs in der Leiharbeit besteht, mit für den Arbeitnehmer entsprechenden Konditionen? Des kurzfristigen Profites einiger Firmen zuliebe wird der Bevölkerung das Geld entzogen.

Die Folgen bleiben nicht aus: Mit Schlecker geht ein Handelsunternehmen in die Knie, das sich darauf spezialisiert hat, Niedriglöhner mit Waren des täglichen Bedarfs zu versorgen. Nun kann man sagen, um das ein oder andere Unternehmen sei es nicht schade. Das mag sein. Doch bei diesem einen wird es nicht bleiben. 

Es ist auf dem Kutzhof noch etwas übrig geblieben, und auch dies in zweifacher Ausfertigung: Der Friedhof.

Kutzhof ist überall.

Der Letzte macht das Licht aus.

Kommentare:

  1. Die Darstellung ist wegweisend.
    Diesesmal ist "die Negativität" berechtigt.

    Frage: Schreib mal etwas "schönes" über das Saarland? Oder ist das Bundesland "so Schlimm"?

    AntwortenLöschen
  2. Es ist eine Restaurant-Kolumne in Planung. Die wird in der Tendenz positiv ausfallen.

    AntwortenLöschen