Sonntag, 4. Dezember 2011

Willkommen im Bionade-Biedermeier

Letztens haben meine Partnerin und ich an einer Wein-Degustation im Bioladen unseres Vertrauens teilgenommen. Während zu kleinen Häppchen wie Dinkelbaguette mit Champignon-Pâté exzellente Weine aus kontrolliert biologischem Anbau gereicht wurden, wurde meine Zunge nach und nach schwer, waren schließlich vierzehn schmackhafte Weinsorten zu verköstigen. Nachdem die Party vorüber war, und ich mich im leicht alkoholisierten Zustand um den Schriftkram kümmerte („Was ist denn das?“ – „Das sind Stift und Zettel.“ – „Ah.“) wurde der Bestellzettel länger und länger.


Als ich schließlich gefragt wurde, ob ich liefern lassen möchte, lallte ich geistesabwesend „Ich holls ab“.

Jetzt stand ich vor dem Dilemma. Was würde passieren, wenn ich mit dem Carsharing-Mietwagen vor dem Bioladen parke, um kistenweise Öko-Wein abzuholen? Gehöre ich dann schon zum Neobürgertum? Lebe ich bald wieder in einer Altbauwohnung? In Prenzlauer Berg womöglich? Rufe ich in ein paar Jahren meinem dreijährigen Sohn Friedrich Alexander Sylvester Nikolaus zu: „Jetzt leg das Förmchen weg und steig aus dem Sandkasten! Du hast morgen Chinesischklausur!“ ?  Schreie ich junge Leute an, weil sie bei Rot die Fußgängerampel überquert haben („Jaja. Seien Sie den Kindern ein schlechtes Vorbild!“)? Werde ich davon überzeugt sein, die Welt bloß durch mein Kaufverhalten verbessern zu können?

Ich gehe nach Hause und meine Bedenken schwinden. Das Einzige, wovor ich noch Angst habe, ist, dass meine Wohnung zu klein ist, den ganzen Wein zu lagern.

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