Donnerstag, 1. September 2011

Loriot

Während der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 saß ich im Audimax der Universität Mannheim und verfolgte das Halbfinalspiel zwischen den Gastgebern aus Südkorea, die erstmals so weit gekommen waren, nachdem sie schon jahrelang an jeder WM teilgenommen hatten, und den Deutschen, die fast immer im Halb- oder im Finale landen (2012 werden sie Europameister). Es gab nur zwei Personen, die Südkorea die Daumen hielten (während 200 das für die Deutschen taten), und einer von diesen beiden durfte das: Er war Koreaner, er stand zu seiner Elf. Der andere war ich.


Wie immer traute ich mich nicht, offen dem Gegner der Deutschen beizuhalten, weil das in der Bundesrepublik irgendwie net politisch korrekt ist (dabei ist es ein Unterschied, ob eine Altherrenelf mit einem 40-jährigen Mattthäus beispielsweise oder eine hippe Jugendelf mit Özil, Khedira, Schweinsteiger & Co. auf dem Platz steht). Wenn ich meiner Neigung, den Koreanern beizuhalten, gefolgt wäre, wäre ich wahrscheinlich ausgebuht worden...

So ähnlich wäre es, wenn man mich mit 2000 anderen Deutschen in einen Kinosaal verfrachten und dort Filme von Loriot zeigen würde. 1999 Personen wären total begeistert und würden sich vor Euphorie kugeln... doch ich langweilte mich zu Tode. Was ist los mit mir? Haben alle anderen einen schrägen Humor oder bin bloß ich primitiv wie e Sau?

Wer das Phänomen Loriot verstehen will, muss sich - wie immer - die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ansehen. Das Phänomen Loriot ist ein Erzeugnis der Bonner Republik. Es gab eine nivellierte Mittelschichtsgesellschaft ohne oben und unten (also anders als es heute ist) und ein ausschließlich öffentlich-rechtliches Fernsehen mit einem grundgesetzlich verankerten Bildungs- und Erziehungsauftrag, der zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten ist.

Die Leute vom Fernsehen dachten also, okay, das Volk will Unterhaltung und Humor im Fernsehen - dann bieten wir ihm das, aber bitte so, dass es daraus etwas lernen kann.
Unter großkoalitionärem Konsens wurden Loriot und Dieter Hildebrandt zu Stars (später, in den rebellischen Jahren der zweiten Republik, 1973, traute man sich mehr, und nahm Otto ins Programm). Loriot stand für den "feinen Humor". Er gab den Menschen das "kulturelle Kapital" (Pierre Bourdieu), das zuvor der Oberschicht zugeordnet war, und plötzlich kannte die ganze Mittelschicht den Code der Oberschicht und konnte sich als solche fühlen (heute undenkbar, beim Blick auf die Gehaltsabrechnung).

Loriots Humor war so fein, dass einem als kernigem Proll vom Land (als der auch ich mich manchmal fühle) das Lachen im Halse stecken blieb. Wenn man Loriot sah, dann lachte man nicht; nein, man schmunzelte. Man hielt sich den Zeigefinger vor den Mund, räusperte sich vornehm und sagte: "Köstlich!" Nie würde der Fernsehzuschauer von heute einen Gag von Mario Barth als "köstlich" titulieren. Ein Joke von Barth ist: "ey, sau-geil, Alder, ey!"

Insofern war der Erfolg von Loriot (und Dieter Hildebrandt) immer auch eine Lüge. Man nahm, was im Fernsehen angeboten wurde, gerne mit, heuchelte jedoch, dass man es nicht verstand, und tat so, als sei es genau das, worauf man Jahre und Jahrzehnte gewartet habe. Steht es mit dem deutschen Humor wirklich so schlecht? Nicht wirklich, aber die damaligen öffentlichen Sender haben es verstanden, ihren Bildungsauftrag wirklich punktgenau umzusetzen. Plötzlich fand man feine Ironie aus der Oberschicht "köstlich", und über die Witze vom Tresen lachte man nur noch hinter vorgehaltener Hand.

Das alles steht in bester deutscher Tradition, gab es schließlich hier immer schon die Unterscheidung zwischen E- und U-Kultur. E ist, was keiner versteht, niemand kauft und jeden langweilt, aber alle großartig finden, U ist das, was die Massen konsumieren. Die Nazis haben übrigens nur E-Kultur verbrannt und diese damit zusätzlich geadelt. Die U-Kultur aus dieser Zeit ist heute zurecht vergessen.

Ich konnte mit dem Humor von Loriot nie wirklich was anfangen. Wenn Heiligabend bei den Ex-Schwiegereltern Weihnachten bei Hoppenstedts lief, habe ich mich stets deutlich weniger amüsiert als zwei Stunden vorher bei Familie Heinz Becker.

Einen neuen Zugang zum Werk Loriots erwarb ich, als ich 2010 bei den Vorarbeiten zu meinem Roman "Der Mann mit der Säge", der derzeit vor den Türen der Literaturagenturen verhungert, einen Karikaturenband von Loriot bestellte. Beim Durchblättern stellte ich fest, dass dessen Erstauflage aus den Fünfziger Jahren datiert! Stell sich das einer vor.

Und DAVOR habe ich wirklich größten Respekt: Dass es einer schafft, sein Publikum über einen Zeitraum von sage und schreibe SECHZIG Jahren zu begeistern. DAS muss Loriot erstmal einer nachmachen.

Ruhe sanft, Loriot.

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