Sonntag, 20. März 2011

Leipzig lockt

Am Freitag Morgen war es endlich soweit. Um 6.45 Uhr wollte ich den Zug nach Leipzig nehmen, Seminar und Hotel waren gebucht, das Online-Ticket für die Buchmesse lag ausgedruckt bereit. Und dann? Husten, Schnupfen, Halsschmerzen. Verdammt. Ich verschob die Reise, wollte um neun Uhr losfahren. Doch kurz vor neun fühlte ich mich immer noch nicht gut.
Was nun? Da hatte ich eine Vision. Manga-Mädchen! Die Erinnerung an die Frankfurter Buchmesse ließ mich hochschnellen, in Windeseile war ich reisefertig und saß im Zug, der um elf Uhr Richtung Frankfurt unterwegs war.

Leider hatte ich die Frühlingsjacke dabei und den Kälteeinbruch total unterschätzt. Bei der Erkältung nicht gerade ein Grund zur Freude. Das schlechte Gefühl wurde nicht weniger, als ich dem Sitznachbarn beim Essen zuschauen musste. Er hatte eine riesige Tüte mit Lebensmitteln dabei. Als erstes aß (besser hieße es: fraß) er ein ganzes Baguette, das mit Frikadelle belegt war, dann eines mit Fleischkäse. Schließlich packte er auch noch einen Lyonerweck aus. Zwischendurch leckte er sein T-Shirt ab, auf das Essensreste gefallen waren. Als er schließlich noch eine Dose Fisch öffnete, bin ich gegangen. Hatte keinen Bock, dass der mir noch auf die Hose bricht.

Frierend traf ich in meinem Hotel ein, das in einer sehr belebten und alternativen Ecke der Stadt, dem Südplatz lag. Dort gibt es viele Kneipen, Restaurants… aber so gut wie keine Geldautomaten, und außer einer Nachtverkaufsstelle und einem Aldi keine richtigen Geschäfte. Bis ich mich zurechtgefunden hatte, war der Abend fast vorbei.

Die erste Veranstaltung führte mich zur Nicolaischule (neben der berühmten Kirche), nachdem ich mir vorher bei C & A einen anständigen Wintermantel gekauft hatte. Wilfried Voigt las aus seinem Buch „Die Jamaica-Clique“ (Conté Verlag), ein Buch, das eine unglaubliche Kette von Skandalen aufzeigt, die die Politiker der saarländischen Landesregierung miteinander verbindet. Den Absacker trank ich auf der „Party der jungen Verleger“ in der ehemaligen Hauptpost, wo man Jugendliche aus Leipzig treffen konnte, wenn man schon die Verlagsleute nicht kannte.

Einen Besuch in Auerbachs Keller habe ich mir übrigens verkniffen. Zwar sagt mein kleiner Bruder, mein aktueller Roman habe viele Goethe-Anleihen, aber Auerbachs Keller ist heute nicht mehr die urige Bierkneipe von damals, sondern ein sündhaft teures Luxus-Restaurant, das nicht unbedingt zu meinen Bedürfnissen passt. Es gibt übrigens auch einen dazugehörigen Club Mephisto.

Der zweite Tag war für die Bücherausstellung in den Messehallen reserviert. Und hier waren sie und erfreuten mein Auge: Die Manga-Mädchen! Wie viele von uns hier an der Saar noch nicht mitbekommen haben, ist Leipzig nicht nur das Zentrum der Wave-Gotik-Bewegung, sondern auch der Anime-Manga-Jünger, die sich wunderschön verboozen, um ihre Lieblings-Comic-Figur nachzuahmen, das nennt sich Cosplay. Einige der schönsten Kostüme sind so vorteilhaft geschnitten, dass man den jugendlichen Brüsten beim Knospen zusehen kann, um es mit Stephen King zu sagen. Ganz so "pröbbevöll", wie der Taxifahrer am Abend zuvor geunkt hatte, war es in den Messehallen übrigens nicht. Frankfurt ist schlimmer!

Zwei Stunden lang durfte ich im Konferenzzentrum auf der Messe an einem höchst interessanten Seminar für angehende Schriftsteller teilnehmen. Leider nur zwei Stunden. Man bräuchte eigentlich ein Wochenende dazu! Die Leute vom Conté-Verlag habe ich dann in der Messehalle wiedergetroffen. Da ich ihren zurzeit beliebtesten Thriller erwarb, lief ich fortan mit einer „Saarland“-Umhängetasche über das Messegelände im fernen Sachsen. Verrückt, oder?

Wer mich noch fasziniert hat? Tanja Dückers. Eine absolut intelligente und schlagfertige Person, deren Interview mit der ARD ich mir angesehen habe.

Der Abend war für Daniel Domscheit-Berg reserviert. Der Wikileaks-Aussteiger erzählt in seinem Buch „Inside Wikileaks“ von seinem Zerwürfnis mit dem Gründer des Enthüllungsportals Assange, und warum er mit ihm zusammen nicht mehr weitermachen konnte. Eine ganz interessante Geschichte, die die Konflikte skizziert, die ein selbsternannter Weltverbesserer mit einem Menschen haben kann, der sich wie ein Psychopath verhält und den eigenen Ruhm über den Schutz der Geheimnisverräter und der internationalen Beziehungen (oder was auch immer) stellt und sich parasitär von anderen ernährt („er wohnte bei mir, ich habe gekocht und kaum was vom Essen abbekommen“). Da könnte man auch einen wundervollen Roman draus stricken.

Diese taz-Veranstaltung fand in einer ehemaligen Lebensmittelfabrik unweit meines Hotels statt, was sich wirklich gut gefügt hat. Als ich beim „Burger-Meister am Südplatz“ mein Abendessen zu mir nahm, lernte ich ein neues Wort: „Göddöffelsölööd“. Ist eine der Lieblingsspeisen der Leipziger, und da sieht man mal, was die für eine exotische Küche drauf haben.

Die Heimfahrt heute Mittag war die Hölle. Vier Stunden für eine Strecke, die die französische Bahn in zweien schaffen würde, Stehplatz direkt am Klo, eine Stunde Wartezeit in Weimar, wo der ICE zum Regionalzug umfunktioniert wurde. Den Anschluss in Frankfurt natürlich verpasst und ab in den Bummelzug an der Nahe entlang! Immerhin habe ich eine Schriftstellerin kennen gelernt. Sie ist sehr alt und schreibt immer noch mit Schreibmaschine. Sie hatte auf der Messe eine Lesung gehalten.

Das Netz des ICE der deutschen Bahn besteht übrigens zu 95% aus Langsamfahrstrecken. Die einzige Strecke, auf der der Zug seine Geschwindigkeit wirklich ausfahren kann, ist Paris - Metz. Wenn das deutsche Autobahnnetz in einem solchen Zustand wäre wie das Schienennetz oder die Atomkraftwerke, dann wäre Frau Merkel schon lange nicht mehr im Amt, weil 40 Millionen mit erhobenen Schuhen tagtäglich vor dem Kanzleramt protestieren würden.

Ach, und morgen geht die Plackerei wieder los!

Hier eine wirklich gute Zusammenfassung der Buchmesse auf ZEIT ONLINE.

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