Freitag, 13. Juni 2014

Die (höchst subjektive) Geschichte der Fußball-WM

Meine erste Fußball-WM sollte die Weltmeisterschaft 1982 in Spanien werden, was ich sehr praktisch fand, weil ich zu der Zeit mit meinen Eltern dort im Urlaub war. Ich war sechs Jahre alt und schon damals so unsportlich, dass ich nur an passivem Fußballspiel interessiert war.
Leider gab es in der Ferienwohnung keinen Fernseher.

So musste meine erste Fußball-WM vier Jahre später stattfinden. Ich erinnere mich an eine Klassenfahrt, bei der der Rektor meiner damaligen Grundschule das Gerücht verbreitete, unser Teamchef Franz Beckenbauer würde sich selbst einwechseln, als ein Verteidiger verletzt war.

Ich hatte zu dieser Zeit in meinem Zimmer einen uralten Fernseher stehen, auf dem ich das Finale verfolgte. Eine mit Wasserfarben selbst gemalte Bundesflagge schmückte den Raum, und schon konnte es los gehen. Ich erinnere mich daran, dass es immer hin und her ging, Jubel und Enttäuschung lösten sich ab. Am Ende gewannen die Argentinier 3:2.

1990 waren wir erneut im Urlaub. Mit Freunden hatte ich vereinbart, dass ich sie anrufen würde, falls die Deutschen Weltmeister würden. Leider konnte ich mein Versprechen nicht halten, weil es diesmal in der Ferienwohnung zwar einen Fernseher, aber kein Telefon gab. Handys waren noch nicht wirklich erfunden.

Die WM 1994 war so langweilig, dass ich sie weitgehend aus meinem Gedächtnis verdrängt habe. Manches ist jedoch hängen geblieben: Das Public Viewing mit dem Politik-Leistungskurs bei strömendem Regen unter freiem Himmel auf einem nackten Wiesenstück in Wiesbach (unvergesslich, sowas!) und das Spiel, bei dem Matthäus zunächst einen Elfmeter verschoss und die Deutschen danach wegen Hochnäsigkeit das Spiel gegen Bulgarien nach einer Führung noch verloren. So ganz konnte ich meine Schadenfreude darüber nicht verbergen. Die Halbfinals und das Endspiel waren dann mit das Schlimmste, was der Fußballwelt je aufgetischt wurde. Kein Wunder, dass sich der Soccer seitdem in den USA nicht durchsetzen konnte.

Bei der WM 1998 haben wir mal mit Kommilitonen zusammen ein Spiel gesehen. Ein Kollege hat immer ein Hupkonzert veranstaltet, wenn die Deutschen ein Tor hineinbekamen. Er hat oft hupen müssen.

Die Weltmeisterschaft von 2002 fand in Japan und der Republik Korea statt, was bedeutete, dass die Spiele um die Mittagszeit durchgeführt wurden. Das hieß, dass man als Berufstätiger oder - wie ich - als Student kaum eine Chance hatte, die Spiele zu sehen. Zumindest musste man seine Zeit gut einteilen können. Statt den Vorlesungen und Seminaren wurden daher an der Uni Mannheim die Kneipen in Uninähe stark frequentiert, die kostenloses Public Viewing anboten.

Ich erinnere mich an das Halbfinale Deutschland gegen Korea, bei der im Audimax 200 Studenten für Deutschland und ein wackerer Koreaner für den Gastgeber jubelten. Nach der Veranstaltung kam ich bedauernswerterweise zu spät zum Hauptseminar, was der Professor gar nicht gerne sah, weil ein Soziologe über sowas wie Nationalstolz drüber stehen müsse. Zum Finale saßen wir im Familienkreis mit Freunden zu siebt vor dem Fernseher und aßen Pfannkuchen.

2006 befand ich mich im Zentrum der fußballverrückten Welt. In Berlin kündigte sich die Fußball-WM dadurch an, dass zunächst die türkischen und kroatischen Bewohner der Stadt, aus Enttäuschung, weil "ihre" Mannschaften mangels Qualität nicht teilnehmen durften, ihre Autos und Wohnungen schwarz-rot-gold flaggten. Das graue Herbstwetter machte pünktlich zum Eröffnungsspiel am 7.Juni Platz für blauen Himmel und Sonnenschein. Da wusste ich: Auch Petrus ist Fußballfan.

Vom Eröffnungsspiel Deutschland gegen Costa Rica habe ich nur wenig mitbekommen, weil in den Gartenrestaurants in Prenzlauer Berg, wo ich die Vorrunde angesehen habe, selten ein Blick auf die Leinwand möglich wurde, so voll gestopft waren alle Public-Viewing-Plätze in Berlin. Ich erinnere mich, wie das Getrampel der Fußballfans nach dem Sieg gegen Polen fast die S-Bahn unter dem Potsdamer Platz aus ihrem Gleis gehoben hätte.

Das Spiel Deutschland gegen Argentinien warf im neu eingeweihten Hauptbahnhof am Spielort Berlin seine Schatten voraus, als sich die angereisten blau-weißen südamerikanischen Fußballfans mit den schwarz-weißen Horden einen Wettkampf um die lautesten Stimmen lieferten. Wer den Berliner Hauptbahnhof kennt, kann sich das Echo vielleicht vorstellen. Das Herzschlag-Elfmeterschießen habe ich im ICE nach Saarbrücken miterlebt, als Kombination aus SMS-WM-Paket und Durchsagen des Schaffners.

Nachdem die Franzosen die Brasilianer überraschend besiegt hatten, haben wir mit den Franzosen in Saarlouis gefeiert, und unser zu verabschiedender Junggeselle hat das viel zu enge Tricot einer Freundin der Equipe Tricolore im Tausch erworben.

Den Kopfstoß Zidane gegen Materazzi im Finale verfolgte ich auf der Fanmeile in Begleitung meines Bruders und seines Kumpels. Als wir noch den Auftritt von Shakira im 10 km entfernten Stadion bewunderten, sprach plötzlich eine bekannte Stimme zu uns: Bill Clinton! Die Fanmeile in Berlin war angefüllt mit Menschen aus aller Welt: Franzosen, Italienern, Polen, Mexikanern... und Fernsehteams - soweit das Auge reichte.

2010 hatte ich eine gemeinsame Wohnung mit meiner damaligen Freundin, und ich verbrachte die meisten Abende in unserem Gästezimmer, wo ich an meinem Roman "Der Mann mit der Säge" (Arbeitstitel) schrieb. Während der Schreibarbeiten sah ich fern. Fußball. Einmal schaute ich im Wohnzimmer: Es war das Viertelfinale: Uruguay gegen Ghana - eines der heiß umkämpftesten Spiele aller Zeiten. Als ich ins Bett kam, war es deutlich nach Mitternacht.

Das Spiel um Platz drei, Deutschland gegen Uruguay, verfolgte ich in einer Gaststätte im Gräfekiez in Berlin-Kreuzberg. Nach dem Spiel setzten mein Kumpel und ich uns, mit Bierdosen bewaffnet, an das Ufer des Landwehrkanals auf Höhe Urbankrankenhaus Irgendwann mitten in der Nacht wachte ich auf. Mein Kumpel war noch da, aber er sagte: Komm, lass uns gehen. Ein vernünftiger Vorschlag. Das Finale verfolgte ich am Prater in Prenzlauer Berg mit einem anderen Kumpel. Es war eines der schwächsten Finals, die Entscheidung fiel erst in der Verlängerung, kurz vor Schluss. Ich hätte es Holland mal gegönnt...

Als ich nach einem Termin mein Leihauto in Sankt Johann abstellte, wusste ich im Juni 2014 noch nicht, ob im Nauwieser Viertel Spiele gezeigt würden. Sie wurden. Im Fleur de Bière wurde ich Zeuge einer der übelsten Schwalben, die je in einem Strafraum geschauspielert wurden und des ersten Eigentors der Brasilianer bei einer WM. Und doch gewannen sie, als Gastgeber.

"Leg die Welt an den Punkt. Geduld ist ungesund."
(Herbert Grönemeyer).

Ich wünsche allen Fußballfans viel Spaß, auch bei dieser WM.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen