Donnerstag, 11. Februar 2010

Arbeitslosigkeit

Berlin, im Februar 2006. In den Straßen liegt noch der Schnee, der nicht schmilzt, weil es auch bei Sonnenschein noch klirrend kalt ist. Kalt ist auch mein Herz, denn es jährt sich der Tag, an dem die Zeitarbeitsfirma, für die ich in einem Callcenter tätig war, mich vor die Tür gesetzt hatte, rechtzeitig vor Ablauf der Probezeit.


Seitdem waren 12 frustrierende Monate vergangen, in denen ich mir zuerst das Rauchen abgewöhnt hatte (ich wollte kein Klischee-Arbeitsloser sein) und ein Praktikum absolviert hatte, um schließlich meiner Freundin nach Berlin zu folgen, um der Dynamiklosigkeit in der Provinz zu entkommen. Vielleicht würden sich in dieser quirligen Großstadt Möglichkeiten ergeben.

Und in der Tat gab es viele Angebote, insbesondere auch schlechte. Ich war von Anfang an bereit, erneut den Weg über die Zeitarbeit zu gehen, erneut in einem Callcenter zu jobben. Und fast hätte es auch geklappt, und ich hätte in das Callcenter einer Bank gehen können. Wenn ich den Weg dahin gefunden hätte. Leider war das nicht der Fall, und so gab mir dieser Arbeitgeber eine zweite Chance: Das Callcenter eines Wohlfahrtsverbandes in der Nähe meines damaligen Wohnortes.

Ich sollte im Dezember 2005 zunächst einen Tag lang Probe arbeiten. Das hatte ich gemacht. Ich rief für einen weltberühmten Wohlfahrtsverband Mitglieder ihrer Organisation in einer westfälischen Kleinstadt an, dabei sollte ich ihnen frohe Weihnachten wünschen und ihnen bei dieser Gelegenheit eine kleine "freiwillige" Beitragserhöhung andrehen. Die Festangestellten wurden nach Provision bezahlt. Gut, wenn man argumentieren konnte. Ich konnte es nicht. Die meisten Mitglieder - fast ausschließlich Rentner - waren resolut und gaben mir Unerfahrenem einen Korb.

Doch einer wurde weich. Und er hatte auch eine gute Begründung dazu: "Meine Frau ist vorgestern gestorben, und jetzt ist mir auch alles egal." Ich verbuchte der Wohlfahrtsorganisation ihren Zugewinn und dann packte ich meine Sachen und ging. Ich blieb arbeitslos.

Und nun war ich unterwegs zu der Firma, die mich eingeladen hatte. Man suchte einen Vertriebs-Spezialisten. Ein kalter Gewerbehof im bürgerlichen Viertel Mariendorf. Ein Büro gleich neben der örtlichen Niederlassung der PIN-Post. Ich bin aufgeregt, trage Anzug. Ein Gespräch mit dem Boss, er spricht mit sächsischem Akzent. Er sagt: "Prima, Sie sind seriös. Sie können morgen einen Tag Probe arbeiten."

Wie viele Arbeitslosengeld-II-Empfänger wusste ich nicht, dass Probearbeit eigentlich bei der ARGE (die hier in Berlin JobCenter hieß) angemeldet werden muss. Ungern ging ich dahin. Meistens gab es Probleme wegen Leistungsangelegenheiten und lange Wartezeiten noch dazu.

So begann ich meinen Tag, indem ich mich am kommenden Morgen um acht Uhr mit den Mitstreitern an der Bushaltestelle am U-Bahnhof Alt-Mariendorf traf. Wir fuhren mit dem Bus zur Arbeit. Toller Dienstwagen (immerhin ein Doppeldecker). In Lankwitz am Preußen-Stadion stiegen wir aus. Ich ging mit einem Mann mit, den ich duzte, doch ich erinnere mich nicht mehr an seinen Namen.

"Wir fahren mit dem Aufzug ins oberste Geschoss und arbeiten uns dann nach unten", erklärte er die Strategie. Flugs arbeiteten wir uns zum ersten Hochhaus einer ganzen Siedlung davon (eine von vielen in Berlin) vor.

Ding-dong, erschall die Klingel im obersten Stockwerk. Eine ausnehmend hübsche junge Dame erschien. "Guten Tag. Sind Sie mit Ihrem Festnetzanschluss zufrieden?"

Direktmarketing dieser Art widerspricht unserem inneren Wertegefühl. Gleich mehrere Instinkte sagen uns, dass wir uns hier abseits unseres gewohnten Normenkonsenses bewegen. Zum Einen: Die Wohnung ist heilig, da stört man die Leute nur, wenn man sie kennt. Und zweitens: Haustürgeschäfte gehen gar nicht.

Wie sich herausstellen sollte, sehen die meisten Leute das so. Die hübsche junge Dame mag uns auf das Netteste abgefertigt haben, aber Kommentare wie "So was wie das hier mag ich gar nicht" sprechen schon eine ganz andere Sprache.

Für meinen Anlerner ist jede einzelne Absage ein Ansporn. "Dreißig Absagen, und ich drehe erst richtig auf.". Das hört sich in etwa so an: "Wie, mögen Sie gar nicht? Aber mit dem DSL ist alles okay?"

Schön für ihn, aber für mich war erneut der Punkt gekommen, an dem ich nicht mehr konnte. Ich hatte nicht mal eine halbe Stunde durchgehalten diesmal.

Voller Selbstverachtung betrat ich den Bus Richtung Rathaus Steglitz. War ich Versager nicht mal in der Lage, einfachste Anforderungen der Arbeitgeber, wie die in der Krise so wichtige Vertriebsorientierung oder unternehmerische Denke zu zeigen? Was hatte ich auch für einen Mist studieren müssen, der vollkommen praxisuntauglich ist und nichts bringt außer l'art pour l'art?

An dem belebten Knotenpunkt Rathaus Steglitz weigerte ich mich, auszusteigen. Ein Konsummoloch für die Schönen und Reichen. Das hatte ich nicht verdient, das stand mir nicht zu. Ich fuhr weiter zur Universität.

Je tiefer ich in den Campus der Freien Universität Berlin eindrang, umso besser wurde mein Gefühl. Die Unis ähneln sich, und wenn du die Mensa einer beliebigen Uni betrittst, dann ist es wie ein Nachhausekommen, wenn dich deine frühere Alma Mater ("nährende Mutter") herausgesetzt hat und du noch kein neues Nest gefunden hast.

Dann stand ich auf einmal vor einem Büro. Eine Assistentin fragte mich, ob ich einen Termin hätte und zu ihr wolle. Und dann kam alles hoch. Ich begann zu weinen, nachdem ich kopfschüttelnd, aber schweigend die Flucht angetreten hatte. Ich war fertig mit den Nerven, doch das Weinen hat mir gutgetan.

Während ich mir auf der Busfahrt durch das verschneite Lichterfelde überlegte, wie ich ein Aufbaustudium finanzieren könne, gewann ich langsam wieder Lebensmut.

Als ich in meiner ersten eigenen Wohnung, einem Ein-Zimmer-Verschlag ohne Türen innen, ohne richtige Küche, mit lärmenden Nachbarn, dünnen Wänden und nach außen offenem Laubengang, die den Unterkünften mexikanischer Einwanderer in US-amerikanischen Filmen verdächtig ähnelte, ankam, läutete das Telefon.

"Hier ist das Arbeitsamt", säuselte die nette junge Frau, "wir möchten Sie gerne einstellen."

Wenn es einen perfekten Zeitpunkt für diese Nachricht gab, dann hat die Personalsachbearbeiterin genau diesen Moment erwischt.

Und nachdem ich die Arbeit begonnen hatte, und nachdem ich erlebt hatte, dass viele meiner neuen Kollegen ähnliche Erfahrungen mitbringen wie ich, weiß ich, dass es nicht die schlechteste Qualifikation für diesen Job ist, die Demütigung der Arbeitslosigkeit selbst erfahren zu haben.

Dies ist das, was unseren derzeitigen Politikern fehlt. Ich kann nur hoffen, das es in der Politik irgendwann ebenfalls eine Generation geben wird, die weiß, wie sich Arbeitslosigkeit anfühlt und damit auch, worüber sie zu entscheiden hat.

Beobachtet die politischen Entscheidungen auch unter diesem Gesichtspunkt kritisch.

1 Kommentar:

  1. Sehr bedrückend, und ebenso authentisch. Auch ich bin durch diese "Schule" gegangen und weiß, wovon Du hier schreibst. Ich hoffe, Du vergisst diese Erfahrungen bei Deiner jetzigen Arbeit nicht.

    Gruß Bert

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