Samstag, 19. September 2009

Vor genau zehn Jahren

Vor genau zehn Jahren begann für mich ein völlig neuer Lebensabschnitt. Im Juni 1998, ein wundervoller Frühlingstag, traf ich gutgelaunt im Fachschaftsraum an der Universität ein, wo man mir völlig überraschend mitteilte, dass die damalige Landesregierung beschlossen habe, unseren Studiengang zu schließen.

Nachdem auch heftige Proteste nichts gebracht hatten, versuchte ich mich auf das Unvermeidliche einzustellen.

Das hieß für mich, wenn ich meine akademischen Ambitionen wirklich Ernst nehmen wollte, dann musste ich weg. Die Alternative wäre gewesen, mich vom einzig verbliebenen Professor abhängig zu machen, während die Zahl der verfügbaren Lehrveranstaltungen immer weniger werden würde.

Mein Lieblings-Hobby war damals der Kampf für die Partei, die mich aus dem Saarland rausgeekelt hatte. Das hatte also nicht oberste Priorität. Die Finanzierung war zu klären. Hätte ich gewusst, dass man mir das Bafög streichen würde, weil ich beim Wechsel
nach Mannheim minimale Änderungen der Studienfächer vornahm (Diplom statt Magister, und bei den Nebenfächern Sozialpsychologie statt Erziehung), hätte ich das Wagnis gar nicht erst auf mich genommen.

Im Sommer 1999 machte ich von einem Tag auf den anderen Nägel mit Köpfen. Ich fuhr nach Mannheim und mietete dort für das Wintersemester ein Zimmer in einem Studentenwohnheim. Das billigste, das es gab.

Jetzt wurde ich vom Hausmeister durch das völlig versiffte Wohnzimmer geführt, indem sich die acht Bewohner dieser Etage aufhielten. Auf dem Herd verschimmelten die Töpfe und das Geschirr. Fein, dachte ich, hier sollst du leben. "Machen Sie sich keine Sorgen, die derzeitigen Bewohner ziehen alle aus," meinte der Hausmeister.

In der Tat fand ich mich mit sechs neuen Bewohnern in der Wohnung wieder. Später haben in der für acht Leute gedachten Wohnheimetage meist 12 Personen gewohnt, weil einige ihre Partner noch nachholten.

Wir alle waren neu in Mannheim, die meisten hatten gerade Abitur gemacht. Bei den ersten
Kennenlerngesprächen ging es oft stundenlang um die schärfsten Gags und die besten Lehrersprüche aus ihren Abizeitungen. Ein Thema, bei dem ich nur kühl lächelte und schwieg. Hielt ich sowas doch für Kinderkram.

Aber mit den Mitbewohnern hatte man wenigstens Gefährten, mit denen man die Stadt neu entdecken konnte. Allein war es blöd, und als Quereinsteiger fand ich in der Fachschaft an der Uni keinen Anschluss mehr (das sollte sich erst mit der Diplomprüfung und der
Diplomarbeit ändern).

Es war schon ein erhebendes Gefühl, zum ersten Mal in einer eigenen Wohnung in der Stadt zu sitzen. Gut, es war nur ein Zimmer, aber wenn man aus dem Fenster sah, sah man Stadt, sah man Hochhäuser. Man sah sogar den Regenbogen sich wölben über dem Mannheimer Gefängnis. Bislang hatte ich nur den Blick auf Vogels Hecke in der Kräät in Kutzhof erlebt.



Regenbogen über Alcatraz

Die erste Zeit als Student in Mannheim mit den ganzen Wohnheimparties und den häufiger als im mittleren Saarland stattfindenden Verabredungen mit Mädchen (aber nur das!) war schon was Neues.

Manchmal war man einsam. Insbesondere dann, wenn ich mal zwei, drei Wochen nicht nach Hause gefahren war, dann fiel mir schonmal Sonntags die Decke auf den Kopf. Ich erinnere mich an einen Sonntag, an dem ich einfach so mit den Zug nach Heidelberg gefahren war und dort
ins Café gegangen war.

Aber es war ein Anfang von etwas. Vielleicht ist dieses Etwas jetzt mit meiner Rückkehr ins Saarland zu Ende gegangen.

Es war ein spannendes Etwas.


Wohnheimküche im Studentenwohnheim

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen