Donnerstag, 15. Mai 2008

Can't help falling in love

Der Donnerstag zog sich wie Gummi. Den ganzen langen Tag saß ich auf Kohlen, aber gegen 18 Uhr ging ich los, um das große Werk zu verrichten, dass ich seit letzten Juli geplant hatte. Heute war der Tag, an dem ich meiner Freundin Petra einen Heiratsantrag machen wollte.

17.50 Uhr Ich bin damit beschäftigt, das neu gekaufte bügelfreie Hemd aus der Verpackung befreien. Blick zur Kollegin, „Antje, kann ich deine Schere haben?“, es dauert gefühlte Stunden, bis das Päckchen offen und alle Nadeln beseitigt sind. Hemd an, Krawatte sitzt? Hosenwechsel. Gürtel. Ring? Im Sakko versteckt. Fertig. Auch mit den Nerven. Hab ich alles? Los.


18.10 Uhr Ich steige in die U-Bahn. Petras Kommilitonin Melanie hat sich eine List ausgedacht, um sie nach Alt-Tegel ins "Mal sehn" zu locken. Jetzt erhalte ich eine SMS von Petra, in der sie schreibt, dass sie jetzt gerne zum Potsdamer Platz gehen würde, wo die Hauptdarstellerinnen von Sex and the City am Abend über den roten Teppich flanieren würden. Toll. Jetzt kommt sie womöglich nicht. Noch so'n Stressfaktor.

18.30 Uhr Ich habe noch keine Blumen. Die möchte ich am U-Bahnhof kaufen. Leider habe ich vergessen, Geld abzuheben. Zum Glück gibt's gleich neben dem U-Bahnhof eine Sparkassenfiliale. Ein Blick in die Geldbörse und mir wird schwarz vor Augen. Es ist mir schon seit vielen, vielen Jahren nicht mehr passiert, aber wer mich kennt, weiß, dass es typisch für mich ist: Ich habe meine EC-Karte nicht dabei!

Am vorangegangenen Tag war ich einkaufen und hatte in der Hektik an der Kasse die Karte gedankenlos in den Rucksack gesteckt und später vor lauter Aufregung vergessen, sie wieder reinzutun. Was jetzt? Ich zwang mich, nicht in Panik zu verfallen. Rief gedankenlos bei Petra an, legte wieder auf (Petra erkundigte sich daraufhin per SMS, ob heute Petra-verarsch-Tag sei, wahrheitsgemäß schrieb ich zurück: "Ja"). Dann überlegte ich. Zweites Girokonto? Kreditkarte? Von beidem wusste ich die PIN nicht mehr. Aber zum Glück befand ich mich nicht im Saarland, sondern in Berlin, und das hieß, dass der Schalter noch offen war. Die nette Auszubildende schlug mir vor, von Kreditkarte mit Ausweis Geld direkt auszuzahlen. Der nette Herr daneben meinte sogar noch, nehmen Sie mehr, die Gebühr ist sowieso die gleiche. (Auch dieser Tip sollte sich als goldrichtig erweisen.) Ich stimmte zu. Leider müsse sie noch in der Zentrale anrufen und um Erlaubnis bitten. Dieser Anruf dauerte zwei Minuten, und es waren die längsten zwei Minuten meines Lebens. Ich bekam das Geld, wofür ich dem Lehrmädchen sehr gerne die Füße geküsst hätte.

18.50 Uhr. Die Vietnamesen im U-Bahnhof haben nicht zu viel versprochen, sie verfügen tatsächlich immer über einen richtig großen Posten schöner roter Rosen, die sie mir wunderschön binden und dafür nicht lange brauchen. Anruf bei Melanie, wo seid ihr?, sind unterwegs. Durchatmen. Ich verlasse den U-Bahnhof in die andere Richtung als eben und laufe durch die belebte Fußgängerzone, die an eine westdeutsche Kleinstadt erinnert und die Petra später ebenfalls gefallen wird, zum Mal sehn, einem Touristen-kompatiblen Lokal mit Cocktail-Bar, Tanzfläche und, was nur wenige Wirtschaften haben und der Grund für unseren Besuch ist, ein Karaoke-Séparée. Ich hatte es von sieben bis neun Uhr gemietet.

19.00 Uhr. Die Bedienung hat mich überschwänglich begrüßt, meine Rosen in die Vase gestellt und mir das erste Angstbier gebracht, der Techniker hat mir die Karaoke-Maschine erklärt, ich bin guter Stimmung. Es kann losgehen. Nochmal Krawatte richten, noch einen Schluck. Die Kellnerin klopft an: "Sie sind da." Im gleichen Moment erhalte ich eine SMS. "Soll ich Ihnen einen Zettel schreiben?", "Ja bitte", sage ich. Die SMS kam zu meiner Überraschung nicht von Melanie, sondern von Petra. Wie schön diese Bar doch sei. Ich schmunzle bei dem Gedanken, dass sie nur eine Etage von mir entfernt ist, sie weiß nur nichts davon.

19.15 Uhr. Sie kommen. Beide. Die Tür öffnet sich. Petra tritt als erste ein, während Melanie sich zurückzieht und wieder hinaus geht. Petra guckt überrascht. Ich beginne zu singen. Es hört sich an wie Elvis mit Frosch im Hals. Die Maschine spielt die Lieder, wie ich sie programmiert habe, aber meine Stimme hält nicht mit. Ich bin den Tränen nah, Petra ebenfalls. Sie sagt, als sie die Rose in meiner Hand, den Anzug und den Rosenstrauß gesehen habe, sei ihr gedämmert, um was es ging.
Ich trällerte "Can't help falling in love" zu Ende, dann fragte ich sie, ob sie mich heiraten wolle. Sie sagte ja. Als sich die emotionale Erregung etwas gelegt hatte, machten wir tatsächlich noch eine gemeinsame Party daraus, mit Singen und Abendessen und Cocktails, anderthalb Stunden länger als geplant. Als wir gingen, hatten wir exakt den Betrag ausgegeben, den ich in weiser Vorsicht mitgenommen hatte. Es lief alles wie geplant, wir erreichten sogar unseren Zug und den Anschlussbus ohne Wartezeit. Es war ein wunderschöner Abend, der schönste, den ich mir vorstellen kann und der Beste in diesem Jahr.

 
PS (Update 2011): Die geplante Hochzeit kam nie zustande.

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